
Liebe Freunde des Kleinen Nazarenos,
wenn von Weihnachten die Rede ist, dann spricht man auch oft von dem Fest der Familie. Die Kinder kommen zu ihren Eltern nach Hause und gemeinsam feiert man das Weihnachtsfest, verschenkt Geschenke und man verbringt ein paar Tage im Kreise seiner Liebsten. Und plötzlich fehlt ein Kind in diesem Familienkreis. Ein Kind ist an Weihnachten nicht zu Hause bei seiner Familie - ein Kind lebt auf der Straße. Ein Kind, welches schon lange nicht mehr zu Hause war. Ein Kind das an Weihnachten an nichts anderes denken kann, als an seine Familie, die für das Kind an keinem Tag im Jahr weiter weg ist als an Weihnachten. Vielen dieser Kinder haben Sie Weihnachten geschenkt. Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich ein frohes und besinnlichesWeihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2010.
Werner Rosemeyer
Der Kleine Nazareno e.V.

"Auf der Straße habe ich nur gehungert und nachts konnte ich nicht einschlafen. Dann hat Gott mir eine Tür aufgemacht.Er kann auch eine Tür für die anderen Straßenkinder aufmachen! Bitte, bitte sag den Kindern im Dorf, dass sie nie aufhören sollen, um ihren Traum zu kämpfen. Sie schaffen es, wenn sie wollen. Mein Traum besteht darin, meiner Familie zu helfen und eine Arbeitsstelle zu finden. DieserTraum ging in Erfüllung. Heute nehme ich Abschied vom Dorf. Ich werde bei meiner Mutter leben und ihr bei der Versorgung meiner Brüder und Schwestern unter die Arme greifen. Ich arbeite jetzt in der Zentrale der Bankangestelltengewerkschaft und habe von daher alle Möglichkeiten dazu. Die Arbeit des Kleinen Nazareno ist top! Ganz große Klasse!”
Vor einiger Zeit hat Jairo (15 Jahre) seinen Rucksack gepackt. Am Morgen seiner Abreise, als ich mich von ihm verabschiedete, übergab er mir einen Brief und sagte: “Erst lesen, wenn ich abgefahren bin!” Ich wollte Euch diesen Brief nicht vorenthalten, denn sein Dank richtet sich an alle, die den Kleinen Nazareno heute unterstützen! Wie sagt doch Jairo: Die Arbeit des Kleinen Nazareno ist top! Ganz, ganz große Klasse!

In diesem Jahr dachten wir uns zum Weltkindertag eine Überraschung für die Familien aus: Wir haben Komödianten,unsere Flötengruppe und eine Fußballmannschaft von Kleinwüchsigen eingeladen, um zusammen mit den Kindern, ihren Familien, Verwandten und sonstigen Bekannten vom Kleinen Nazareno in der Sporthalle eines Gymnasiums einen Nachmittag spielend zu verbringen. Der Eintrittspreis belief sich auf ein Kilo Bohnen oder Reis, für diejenigen, die es sich leisten konnten. 1500 Erwachsene und 500 Kinder sind unserer Einladung gefolgt. Auch eine regionale Fernsehstation und Reporter einerTageszeitung waren vertreten. Für viele Teilnehmer gab es nur noch Stehplätze. Die Familien stärker in unsere Tätigkeiten mit einzubeziehen, die Gründe wirklich zu erfassen,weshalb die Kinder auf der Straße gelandet sind, nicht in Kategorien von Schuld,sondern eher Ve r s ö h n u n g, Ve r s t ä n d n i s und V e r g e b u n g zu leben, das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.
(Dieses kleine schmutzige Straßenkind! Ich frage dich: Von wem bist du der Sohn? Wo ist dein Vater?)
Schon seit zwei Wochen bin ich nun auf der Suche nach Anderson, der von einem Wochenende bei seiner Mutter nicht zum Nazareno-Dorf zurückgekehrt ist. Ich habe alle Plätze in der Innenstadt und im Touristenviertel abgegrast, aber kein Zeichen von ihm. Anscheinend ist er nicht auf der Straße, wo ich ihn als erstes vermutete. Während eines Routinebesuches der Familien, wen sehe ich da zufällig: den Gesuchten in Person! Aber ich befand mich in einem von seiner Mutter völlig entfernten Stadtviertel. Ich freute mich und verdutzt fragte ich ihn, wen er hier besuchte. Anderson machte einen auf stur, aber er sagte dann schließlich: „Meinen Vater“. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt etwas von seinem Vater hörte. Die Mutter von Anderson hatte schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm. Sonderbarerweise wollte mich Anderson auch nicht seinem Vater vorstellen. Er machte die Schotten dicht und sagte kein Wort mehr. Schon nachdem Anderson wieder im Dorf war, bin ich ein anderes Mal in derselben Gegend gewesen und fragte nun die Anwohner nach dem Vater von Anderson. Wie sich herausstellte, hält sich der Vater von ihm wirklich dort auf. Doch hat er keinen festen Wohnsitz, trinkt und bettelt um Essen in der Umgebung. Zusammen mit anderen Obdachlosen schläft er unter einer in der Nähe gelegenen Brücke. Offensichtlich schämte sich Anderson seines Vaters. Auf der anderen Seite sucht er verzweifelt nach der väterlichen Liebe. Ich frage mich, ob sein Vater es nur annähernd versteht, wie wichtig er für seinen Sohn ist? Nur weil er obdachlos ist, vielleicht alkoholsüchtig, ist er trotzdem der Vater von Anderson und für dieses Kind eines der wichtigsten Personen in seinem Leben!


Wegen der großen Anzahl der Teilnehmer, unter anderem Bischof Dom Edmilson, Senatorin Patrícia Saboya, dem Vize-Gouverneur und Vertretern von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen wurde die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studie über die Anzahl von Straßenkindern in Brasilien ins Plenarium verlegt. Diese Studie wurde von der Nationalen Kampagne „Criança nãoé de rua“, die von Misereor finanziert wird, in Auftrag gegeben. Wie vermutet, gibt es in Brasilien längst nicht so viele Straßenkinder wie allgemein vermutet und leichtfertig auch in internationalen Medien verbreitet wird.
Die komplette Untersuchung kann man bisher leider nur auf Portugiesisch nachlesen, sie findet sich unter www.criançanaoederua.org.br. Am 21. Oktober fand im Rathaus von São Paulo ein Seminar statt, um die Nationale Kampagne vorzustellen und die Nationale Konferenz vorzubereiten. Es geht im Wesentlichen darum, ein vom Staat finanziertes Sozialprogramm für Straßenkinder zu bekommen, das unter anderem Folgendes garantiert:
a) Die Anstellung von genügend Streetworkern, die die Kinder auf der Straße ansprechen und ihr Vertrauen gewinnen, damit diese den Schrittweg von der Straße wagen.
b) Massive finanzielle Unterstützung der Familien, die Söhne und Töchter haben, die auf der Straße leben, damit den Kindern die Möglichkeit gegeben wird, möglichst wieder zurück zur eigenen Familie zu gehen.
c) Kindern und Jugendlichen das Recht zu gewährleisten,durch Organisationen aufgenommen zu werden, falls vorerst keine Möglichkeit bestehen sollte, zur Familie zurück zu gehen.

Es war mir ein persönliches Anliegen, Leonardo zu unterstützen. Ich hatte ihn vor ein paar Monaten in der Innenstadt von Recife kennengelernt. Er saβ auf dem Bürgersteig und inhalierte gemächlich die Dämpfe vom Schusterleim. Er war ganz allein, was bei den Straßenkindern sehr ungewöhnlich ist, da die meisten den Schutz der Gruppe suchen. Erfolglos blieben meine Versuche, ihn anzusprechen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich muss gestehen, dass mir unwohl war bei dem Gedanken, Leonardo hier einfach alleine zu lassen, aber ich hatte keine Wahl. Er war in diesem Moment nicht ansprechbar.
Als ich am nächsten Tag Spiele mitbrachte und Fotos vom Nazareno-Dorf in Recife, schaffte ich es, das Eis zu brechen. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er, als er 4 Jahre alt war, in ein Abwasserloch gefallen war und sich bei dem Sturz die Gehirnaußenwand verzogen hatte. Ein halbes Jahr lang wurde er in einem Krankenhaus behandelt, zwei Monate davon auf der Intensivstation. Als er wieder nach Hause kam, musste er wie alle anderen älteren Geschwister auf der Straβe um Geld betteln. Durch sein Aussehen wurde er auch von anderen Jugendlichen ausgenutzt, die eine Möglichkeit sahen, leichter um Geld zu betteln. An viele bezahlte er mittlerweile „Schutzgeld“. Schon bald nannten sie ihn Chucky, nach dem amerikanischen Horrorstreifen. Als er acht Jahre alt war, trank er regelmäßig und wurde wegen Komasaufens ins Krankenhaus eingeliefert. Sprachlos hörte ich seiner Geschichte zu. Meinen Vorschlag, ihn nach Hause zu begleiten, lehnte er kategorisch ab. Er nahm das Fotoalbum in seine Hand und zeigte auf das Nazareno-Dorf: „Bitte nimm mich mit!“

Wenn wir in den engen Gassen der Elendsviertel etwas orientierungslos nach den Adressen der Eltern fragen, bekommen wir neben einer detaillierten, viel zu langen Wegbeschreibung (nach dem dritten ‚rechts abbiegen’ schalte ich automatisch ab) recht häufig eine Warnung zur Vorsicht gleich mitgeliefert. Am eigenen Körper bekam ich schon(Chaotische hygienische Verhältnisse)des öfteren die konsequente Missachtung dieser Warnungen zu spüren. Aber es gibt wirklich und leider keine Alternative. Die Familien der Kinder, die bei uns Zuflucht gefunden haben, leben nun einmal in chaotischen und menschenunwürdigen Behausungen und sind umzingelt von kleinen Drogenverkaufsstellen, Jugendbanden, die sich gegenseitig auf skurrile Art bekämpfen. Alles viel zu klein, viel zu dreckig, viel zu arm! Ich treffe auf Erwachsene, die ihre Tür nicht aufmachen,da sie noch keine Mahlzeit zu sich genommen haben und einfach liegen bleiben, um möglichst wenig körperliche Energie zu verschwenden. Letzte Woche musste ich mir den Weg in die Hütte einer Familie bahnen, inmitten einer Gruppe aus Jugendlichen, die gerade damit beschäftigt waren, mit ihren viel zu großen Messern die Hülle von den geklauten Telefonleitungen zu entfernen, um dann das Kupfer an einen Zwischenhändler zu verkaufen. Es ist so unvorstellbar, dass ich mich fühle, als tauchte ich jedes Mal in eine Scheinwelt ein. Leider ist diese Welt für Millionen von Brasilianern tagtägliche Realität. Trotz der so widrigen Situation fällt mir immer wieder die eigene Dynamik in den Elendsvierteln auf, die aus Überlebenswillen ,Fähigkeiten, Spontanität, Lebensfreude, Wünschen und Träumen besteht. Obwohl wir in einigen Fällen zu Lebensmittelkörben greifen,die wir in besonders dramatischen Umständen für die Familien erst einmal monatlich kaufen, ist unsere Richtung ein völlig andere. Wie bei den Kindern, die wir oft in einem Zustand auf der Straße antreffen, wo vielleicht andere ihren Vorurteilen Vorschub leisten, nach dem Motto „der schafft es sowieso nicht mehr“, hoffen wir in den Familien genauso auf Möglichkeiten der Veränderung. Und so wie bei den Kindern gibt es auch in den Familien Menschen, die die Gelegenheit beim Schopf packen, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Aus den Versammlungen mit den Familien, die regelmäßig sowohl in Fortaleza als auch in Recife stattfinden, sind handfeste Initiativen gewachsen. Nähkurse, Aufbau von Textilproduktionsketten, berufsausbildende Kurse, auch für die jugendlichen Töchter und Söhne, sind einige dieser Initiativen. Der Ausweitung dieser für uns fundamentalen Aktivitäten sind allein durch die uns fehlenden finanziellen Möglichkeiten Grenzen gesetzt.Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Sohn von Dona Maria lebte auf der Straße und wurde vor 4 Jahren im Nazareno-Dorf aufgenommen. Vor 2 Monaten hat er sich offiziell vom Kleinen Nazareno verabschiedet, da er eine Lehrstelle gefunden hat. Dona Maria war, als wir sie kennenlernten, arbeitslos. Sie machte einen sehr traurigen und apathischen Eindruck. Regelmäßig nahm sie Beruhigungstabletten zu sich. Immer wieder wurde sie besucht und erzählte uns von ihrem Wunsch, an einem Nähkurs teilzunehmen. Wir haben den Kurs für sie bezahlt und eine Nähmaschine gekauft. Seitdem hat sich Dona Maria in ihrem Wesen völlig verändert. Sie ist „aufgeblüht“. Ihr Sohn wurde mit offenen Armen und Tränen in den Augen von ihr wieder aufgenommen. Da sie ihre ganze Produktion an eine Kooperative weiterverkauft, hat sie vor ein paar Wochen eine Aushilfskraft „angestellt“.
Am Anfang dieses Weihnachtsbriefes steht ein Abschiedsbrief von Jairo. Er hat das Recht auf eine ganz persönliche Interpretation. Es wurde ihm eine „Tür“ aufgemacht, die ihm die Möglichkeit gab, den Qualen auf der Straβe zu entfliehen. Wie schön wäre es, wenn wir in diesen Tagen den Mut aufbringen könnten, an die alte Holztür vom Stall in Betlehem zu klopfen. Wir würden, wie Jairo, einen Weg finden. Einen anderen Weg, der unvereinbar ist mit Elend, Krieg und Einsamkeit. Ich bin mir sicher, es wäre eine Begegnung mit uns selbst, mit jedem Menschen auf der Welt, mit der Natur und mit der Familie, die sanft ein kleines Kind in den ruhigen Schlaf singt. Es wären nicht nur ein paar Tage im Jahr. Es wäre eine neue, fröhliche, menschliche Zeit! Ihnen allen, die uns mitgeholfen haben, unseren Beitrag zu leisten, damit die Straβenkinder und ihre Familien in Fortaleza und Recife die Möglichkeit haben, einen neuen Weg zu beschreiten, von ganzem Herzen eine frohe und gesegnete Weihnacht!