
Der O Pequeno Nazareno ist heute die Organisation in Brasilien, die die größte Anzahl von Straßenkindern betreut.
Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Wie oft sind wir machtlos! Theoretisch ist doch alles so simpel: Kinder hungern, leben auf der Straße, schnüffeln! Sind alleine, sind verzweifelt! Wir gründen einen Verein, kaufen ein prächtiges Grundstück und nehmen Kinder bei uns auf. Diese bekommen etwas vernünftiges zu essen, gehen zur Schule, nehmen an berufsbildenden Kursen teil. Wenn sie älter sind, fangen sie an zu arbeiten, gründen eine eigene Familie. Prinzipiell trifft das sogar zu. Und dennoch - es sagt so gut wie nichts über den Kleinen Nazareno aus, wie Musik ohne Seele, eine Hülle ohne Körper. Jeder der uns unterstützt, hat sich die Mühe gemacht, sei es auch nur für ein paar Momente, innezuhalten, um sich etwas von den Herausforderungen vorzustellen, die darin bestehen, Kinder zu unterstützen, die vor der katastrophalen Situation der eigenen Familie geflüchtet sind und sich auf der Straße alleine durchschlagen. Jeder der uns unterstützt glaubt an die Möglichkeit eines Neuanfangs, sieht unter den Lumpen und dem ausgezehrten Gesicht, ein Kind, das Liebe, Zuneigung, Respekt, Geborgenheit noch lebensnotwendiger benötigt als das tagtägliche Brot. Ich habe das Privileg, ein Augenzeuge der Wandlung dieser Kinder zu sein. Und es ist ein himmelschreiendes Unrecht, das vielen Kindern und Jugendlichen nicht die Möglichkeit gegeben wird, der Hölle der Straße zu entfliehen. Was vor jetzt nunmehr 16 Jahren klein angefangen ist, hat sich zu der größten Straßenkinderorganisation Brasiliens entwickelt. Ihnen allen, die den Kleinen Nazareno bei seiner Arbeit unterstützen, von Herzen, vielen Dank!
Bernardo!
Ich hatte immer Nasenbluten. Am Anfang hat sich meine Mutter Sorgen gemacht und ist mit mir verschiedene Male zum Krankenhaus deswegen gegangen. Als die Schimpfwörter meines Stiefvaters immer heftiger wurden, hatte meine Mutter andere Sorgen. Mein Nasenbluten ging weiter, aber meine Mutter brachte mich nicht mehr zum Krankenhaus. Mein Vater hat meine Mutter, mich und meine 7 anderen Geschwister verlassen, als ich noch klein war. Ich hatte immer Angst, dass auch meine Mutter eines Tages einfach nicht mehr nach Hause kommen würde. Meine Geschwister heißen Franscisco Ismael, Francisco Isaías, der erschossen wurde, Francisco Isaquiel, Francisca Israela, Francisca Ismaela, Francisca Ismaíla und Francisco Israel. Mein Bruder, Isaías, hatte ein Fahrrad und ab und zu hat er mich mitgenommen. Als wir an der Ampel standen, dachte der Autofahrer, dass mein Bruder ihn überfallen wollte und schoss auf ihn. Der Autofahrer ist dann über den Bürgersteig gefahren, um zu fliehen. Mein Bruder ist verblutet. Es stellte sich heraus, dass der Autofahrer Davi heißt und meine Mutter erfuhr seine Adresse. Sie ist dann zusammen mit mir und meinen Brüdern dort hin gefahren. Als sie an die Tür klopfte, hat Davi nicht aufgemacht.
Am nächsten Tag haben ich, Isaac, Ismael und die Kollegen von Ismael für R$ 5,00 Benzin gekauft und das Haus in Brand gesteckt.
Es gab für meine Mutter nur eine Möglichkeit, die Schulden in dem Lebensmittelgeschäft zu tilgen: mein Geld zu nehmen, das ich auf der Straße verdiente. Ich musste jeden Tag um 5 Uhr morgens aufstehen, um zusammen mit meinem Bruder Ismael, Blechdosen auf der Straße zu sammeln. Der ist sehr intelligent - macht aber keinen Gebrauch davon.
Wenn ich nicht arbeitete, gab es kein Essen auf dem Tisch. Deswegen habe ich einen Stiefvater. Als wir an einem Regentag zu Hause den ganzen Tag gehungert hatten, kam er abends und hat meiner Mutter eine Plastiktüte mit Bohnen und Reis gebracht. Seitdem lebt er bei uns im Haus. Wir haben uns nie verstanden. Meine Mutter stellte er vor die Wahl: er oder ich! Meine Mutter blieb still. Hätte sie mich geschlagen, hätte es nicht so wehgetan. Sie war auch schwanger.
Als ich das erste Mal auf der Straße schlief, habe ich meine Mutter angelogen und gesagt, ich hätte bei einer Tante übernachtet. Als ich anfing ab und zu auf der Straße zu übernachten, habe ich Prügel bekommen. Und weil ich Prügel bekam bin ich wieder abgehauen. Als ich 10 Jahre alt war bin ich ganz zur Straße gegangen. Unheimlich war es mir anfangs dort. Zu Hause schlief ich in einer Hängematte. Die habe ich einfach mitgenommen. Da ich die nirgends aufhängen konnte, habe ich nicht wie die anderen Kinder einfach auf harter Pappe in einer Straßenecke geschlafen, sondern mir aus der Hängematte eine weichere Unterlage gemacht. Zu den Drogen bin ich nur gekommen, weil die anderen Kinder auf der Straße mich dazu gezwungen haben. Das gehört eben dazu. Anstatt Essen zu kaufen, habe ich Drogen gekauft. Als ich überhaupt kein Geld hatte, verkaufte ich meine Hängematte für R$ 2,00. War so müde und fertig, dass ich oft einfach auf dem Bürgersteig geschlafen habe. Um weiterzugehen mussten die Leute einfach über mich steigen oder den Bürgersteig wechseln. Vom vielen Schnüffeln sind meine Augen immer angeschwollen gewesen.
Wenn ich gut zufrieden war, habe ich gebettelt. Am Ende des Tages bekam ich bis zu R$ 5,00. Das brasilianische Volk ist sehr arm. Selbst bei mir zu Hause habe ich Sachen geklaut. Wir hatten einen CD-Player und den habe ich geklaut. Oft bin ich über das Dach ins Haus gekommen. Nachts, wenn alle schliefen. Mein Stiefvater hat dann die Dachlatten ausgebessert, damit ich nicht mehr zurückkommen konnte.
Ich möchte gerne Maurer werden, aber nur Gott weiß, ob dies gelingen wird. Ich würde dann ein Haus bauen und eine Familie gründen. Ich würde gerne ein besserer Vater sein und nicht einfach abhauen.
Von Adriano Ribeiro, Leiter der Nationalen Kampagne
Für all diejenigen, die erst seit kürzerer Zeit den Kleinen Nazareno unterstützen, eine kurze Zusammenfassung:
Am 8.12.2005 hat Bernardo im brasilianischen Senat die Nationale Kampagne „Criança não é de rua" ins Leben gerufen, was bedeutet: Es gibt keine Straßenkinder. Doch es gibt Kinder, die auf der Straße leben.
Bisher haben sich 290 Organisationen der Kampagne angeschlossen. Es geht um die Umsetzung eines 5-Punkte Programms, das auf nationaler Ebene sicherstellen soll, dass den Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße wohnen, die Möglichkeit gegeben wird, mit Hilfe massiver staatlicher Investitionen, zurück zur Familie gehen zu können oder falls dies unmöglich ist, von einer Organisation aufgenommen werden zu können. Zur Zeit wird die Kampagne in den einzelnen Bundesländern eröffnet. Ein nationales Treffen des Netzwerkes soll bis Ende nächsten Jahres stattfinden.
a.) Eine Woche vor dem Seminar der Nationalen Kampagne „Criança não é de rua" (CN) in Fortaleza, konnten wir keine Anmeldungen mehr zulassen. Wir hatten einen Hörsaal bereitgestellt bekommen, in dem es nicht mehr als 300 Sitzmöglichkeiten gab. Trotz schriftlicher Anmeldung kamen am Tag des Events dennoch 50 Leute mehr, die nur noch Platz im Gang fanden. Eröffnet wurde das Seminar durch den Sänger Tião Simpatia, der eigens für die Kampagne ein Lied komponierte. Nachdem die Vertreter von Stadt und Gemeinden, Jugendamt und Menschenrechtsorganisationen kurz ihre Positionen darstellten, wurde dem Gründer der Nationalen Kampagne, Bernardo Rosemeyer, der als Hauptredner eingeladen wurde, das Wort erteilt. Außer der Bürgermeisterin, die in Brasília an einer Versammlung im Kongress teilnahm, waren alle anderen 7 Kandidaten für das Bürgermeisterschaftsamt in Fortaleza anwesend. Sie hatten jeweils 10 Minuten Zeit, um auf die von Bernardo geschilderte Situation und das 5-Punkte Programm der Nationalen Kampagne einzugehen.
Das Datum des Seminars, der 23 Juli, wurde ganz bewusst ausgewählt. Vor genau 15 Jahren, am 23.06.1993, parkten einige Polizeiautos in den Morgenstunden gegenüber der Kirche Candelária in Rio de Janeiro. Die Polizisten fingen an willkürlich auf mehr als 70 Kinder und Jugendliche, die auf der Straße schliefen, zu schießen. Viele wurden verletzt und 8 Kinder starben. Während des Seminars wurden die Namen der Kinder vorgelesen und auf ein Kreuz geschrieben.
b.) Eine der zentralen Aufgaben der Nationalen Kampagnen besteht darin, speziell den Organisationen und Vereinen, die in Brasilien mit Kindern arbeiten, die auf der Straße leben, all die Veröffentlichungen, Analysen, Diplom- und Doktorarbeiten, die über das Thema referieren, bereitzustellen. Sehr viel Zeit und Geld ist in soziale Forschungsarbeit investiert worden, die letztendlich aber in Schubladen verstaubten.
c.) Das brasilianische Netzwerke zur Verteidigung der Kinder- und Jugendrechte hat uns gebeten, Daten über die Situation der „Straßenkinder" in Brasilien zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich dabei um die quantitative Erfassung der „Straßenkinder". Da die Nationale Kampagne bisher über schriftliche Berichte einiger Bundesländer verfügt, sind wir in Verbindung mit der hiesigen Universität getreten. Bis Ende Oktober werden wir das Ergebnis veröffentlichen. Von der Universität werden wir von Herrn Domingos, Doktor der Soziologie, und von zwei weiteren ausgebildeten Fachkräften unterstützt werden.
d.) Im Landtag von Natal, der Hauptstadt des Bundeslandes Rio Grande do Norte, wurde am 30.04.08 unter Teilnahme aller Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, die dort mit Straßenkindern arbeiten, hat Bernardo Rosemeyer die Nationale Kampagne vorgestellt. Am Ende wurde eine Kommission gebildet, unter Vorsitz der Landtagsabgeordneten Mácia Maia.
Es herrschte absolute Stille. Die Leute standen wie versteinert. Hunderte von Kreuze hatten wir in den Sand gestoßen. Vor diesen Kreuzen postierte sich jeweils ein Kind, angepinselt mit roter Farbe und eine Astflechte auf dem Kopf, als Hinweis für die Dornenkrone Jesu: „Wie lange noch lassen wir es zu, dass Kinder in Brasilien auf der Straße leben? Wann werden wir endlich aufwachen und allen Kindern eine helfende Hand entgegenstrecken?" Einige haben so ihre Gedanken mit Hilfe des Lautsprechers zum Ausdruck gebracht. Viele Priester, Ordensleute, Vertreter der Kinder und Jugendpastorale waren anwesend. Es war die bisher größte öffentliche Aktion, die der Kleine Nazareno seit seiner Gründung organisiert hat.
10 Omnibusse wurden bereitgestellt, um die Teilnehmer zum Touristenstrand zu bringen. Über tausend Leute nahmen an der Aktion teil, die mit dem Kreuzweg anfing. Laienschauspieler haben die einzelnen Stationen des Kreuzweges begleitet. Jeder der teilnehmenden Kinder bekam anfangs ein Kreuz, das umliegende Schreinereien umsonst lieferten. Die Menschen kommentierten, dass es ein Privileg sei, an dieser „Kreuzigung" teilnehmen zu können. Spontan haben sich auch einige Erwachsene vor die Kreuze gestellt.
In Fortaleza standen 494 Kreuze. Eines für jedes der Kinder und Jugendlichen, die in der Hauptstadt des Bundeslandes Ceará auf der Straße leben und wohnen. Zeitgleich wurde diese Aktion in Recife durchgeführt, wo die „Kreuzigung" in der Innenstadt stattfand. Die Begeisterung und Anteilnahme waren auch dort zu spüren. Sowohl in Recife, wie auch in Fortaleza, hat diese Aktion die Titelseiten der dort führenden Tageszeitungen erobert.
Im nächsten Jahr werden wir versuchen, weitere Hauptstädte mit einzubinden. Von Belém und Rio de Janeiro haben wir schon eine Zusage bekommen.
Die Jungen, die ich hier im Nazarenodorf kennengelernt habe, scheinen auf den ersten Blick Kinder zu sein, die sich kaum von anderen in Deutschland unterscheiden. Sie toben herum, spielen am liebsten den ganzen Tag Fußball oder hecken Pläne aus, wie sie ihre Erzieher oder auch die Praktikanten ein bisschen ärgern können. Gegen Abend, wenn auch ihre Energie einmal aufgebraucht ist, werden sie ruhiger und kuscheln sich vor dem Fernseher alle zusammen.
Diese ersten Erfahrungen ließen die Vorstellung davon, wie viel Hass, Angst und Gewalt diese Kinder bereits erfahren hatten, so unwahrscheinlich erscheinen.
Doch als ich das erste Mal an der Arbeit der Sozialarbeitern des Kleinen Nazareno teilnahm und ein Kind sah, dass auf der Straße lebt, dreckig, abgemagert und am schnüffeln, musste ich plötzlich an die Kinder aus dem Nazarenodorf denken.
Nach meinem ersten Kontakt auf der Straße, sah ich diese Kinder mit anderen Augen – mit bewundernden Augen, denn die Stärke, der Überlebenswillen und auch das Vertrauen in Gott und in das Gute auf der Welt, das diese Kleinen Tag für Tag aufbringen, ist für mich kaum begreiflich. Diese Jungen haben nach Gewalt, die sie oft durch eigene Familienmitglieder erfahren haben, nach einem erbitterten Kampf ums blanke Überleben gegen andere Straßenkinder und auch gegen einige Polizisten auf der Straße und vielen menschlichen Enttäuschungen, die Stärke aufbringen können, wieder Vertrauen zu fassen zu unbekannten Menschen, den Drogen zu entsagen, ihre Freunde auf der Straße zu verlassen und noch einmal den Schritt in eine für sie unsichere Zukunft zu wagen. Sie haben sich nicht aufgegeben, sondern gekämpft.
Und auch wenn es sie viel Kraft und Ausdauer gekostet hat, sieht man den Jungen an, dass sie sich sicher sind, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Mit Hilfe des „O Pequeno Nazareno" gelingt es ihnen nach vielen Jahren auf der Straße, ein geordnetes Leben zu führen, Spaß zu haben, aber auch Probleme und Streitigkeiten zu lösen, sowie mit Freude in die Zukunft zu sehen. Sie träumen davon, Lehrer, Busfahrer, Maler oder Polizisten zu werden und vor allem davon, ihren Kindern bessere Väter zu werden. Denn sie wissen, wie keine anderen, was es bedeutet, nichts zu besitzen und wie es sich anfühlt, behandelt zu werden, als sei man nichts wert.
Ich habe viel gelernt in Brasilien, von den Menschen hier und ganz besonders von den Jungen im Nazarenodorf. Das Wichtigste ist wohl, dass ich dankbar sein muss, denn es ist kein Verdienst, in welcher Familie, in was für einem Umfeld und in welchem Land man geboren wird, sondern es ist Glück. Wäre es andersherum, hätte nämlich keines der Kinder hier jemals auf der Straße leben müssen.
a.) Seit Anfang des Jahres nehmen 20 Jugendliche an einem Gärtnereikurs teil. Für ihre Arbeit bekommen sie pro Stunde R$ 1,00 (umgerechnet 25 Cent). Von dem Geld kommen 25% auf das Sparkonto und 5% sind für einen guten Zweck.
b.) Das Erwachsenbildungszentrum für die Familien der Kinder, die im Nazareno-Dorf/Fortaleza aufgenommen worden sind, ist fertig gestellt worden. Aus Platzgründen haben wir eine neue Etage über dem Büro in der Innenstadt gebaut. Wir werden dort Alphabetisierungs-, Näh- und Manikürekurse anbieten.
c.) Sowohl in Recife wie auch in Fortaleza nehmen alle Jugendliche über 16 Jahre an berufsbildenden Kursen teil. Gerade haben wir 20 Lehrstellen in Fortaleza vom Senai, Senac (eine von Unternehmern geförderte Ausbildungsstätte) für unsere Jugendlichen angeboten bekommen. Sie nehmen erst 2 Monate an einem theoretischen Unterricht 3 Mal in der Woche teil und werden dann von Unternehmen und Firmen übernommen. Es ist Pflicht für die Unternehmen, eine bestimmte Anzahl von Ausbildungsstätten anzubieten. Die Jugendlichen arbeiten halbtags und gehen weiter zur Schule.