
Frei Beto, ein Franziskaner, der in Fortaleza kürzlich die Leitung der Pfarrei „Nossa Senhora da Dores” übernommen hat, zeigte sich von der Aufführung der Flötengruppe des Kleinen Nazareno positiv überrascht. Bei der festlichen Eröffnung des Speisesaals im Nazareno-Dorf/Fortaleza, untermalte diese Gruppe die heilige Messe mit einigen Musikstücken. Die Grundmauern des Speisesaals wurden schon vor zwei Jahren gebaut. Ende letzten Jahres haben wir dann von einer Spenderin aus Cloppenburg die finanziellen Mittel erhalten, die es uns ermöglichte, den Saal fertigzustellen. Gelegen auf einer Anhöhe eines beachtlichen Ententeiches ist die Aussicht auf die Gebirgskette von Maranguape, schlechthin atemberaubend. Bisher hatten wir im Nazareno-Dorf/Fortaleza keine Räumlichkeiten, Frei Beto zelebriert die Messe in der Kapelle des Nazareno-Dorfes. um mit allen Kindern, Jugendlichen und den Erwachsenen, die die ganze Gruppe betreut, gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen. (Im Recife-Dorf gibt es diese Struktur schon seit längerer Zeit.) Deshalb wurde das Essen von der zentral gelegenen Küche immer auf die einzelnen Wohnhäuser verteilt. Zurzeit erleben wir selbst eine spürbare Verringerung der Lebensmittelaus–gaben, da sich die Kinder das Essen selbst von einem Selfservice Wagen auf den Teller geben können, sie aber alles aufessen müssen. So nach dem Motto: „Du bleibst so lange am Tisch, bis du das alles schön aufgegessen hast.” Warum? Keine Ahnung? Aber es gibt gerade auch unter Kindern der ärmeren Bevölkerungsschicht die Gewohnheit, Bohnen und Reis auf dem Teller liegenzulassen und dann einfach wegzuwerfen. Das kreischende Geheule einer auf dem Dach des Speisesaals installierten Sirene kündigt pünktlich um 11.55 Uhr das Mittagessen an. Während des Essens hören die Kinder aus der neu erworbenen Stereoanlage sowohl gregorianische Mönchsgesänge und Klavierkonzerte von Chopin, wie auch Samba, Forró und einfache brasilianische Volksmusik. Das ist einfach toll!
Es herrschte andächtige Stille. Jeder Teilnehmer legte sich ein großes Kreuz auf die Schulter. Diejenigen, die kein Kreuz mehr bekamen, begnügten sich mit einer Krone. Diese wurde aus schlangenartigen Zweigen gebastelt, die im Nazareno-Dorf wild um Baumstämme Musiklehrer Rafael und seine Zöglinge Ein Blick auf den neuen Speisesaal Der Selfservice Speisewagen Großfamilie beim Mittagessen oder an Hausmauern wuchern. Nach ein paar einführenden Worten, setzte sich die Menschenmenge gemächlich in Bewegung. Über 1500 Menschen haben in diesem Jahr in Fortaleza an der Aktion „Kreuzweg“ teilgenommen. Darunter Kinder und Jugendliche aus insgesamt, und man staune, 29 verschiedenen Elendsvierteln von Fortaleza, in denen ich die Menschen in Basisgemeinschaften und verschiedenen Bürgervertretungen gruppieren. Neugierige Blicke aus den Wolkenkratzern, die sich auf der anderen Seite der Strandpromenade erstrecken, folgten dem ganzen Geschehen. Zusammen mit den anderen Strandbesuchern versuchten sie, Informationen über die Ziele dieser sonderbaren Prozession zu erfahren. Warum werden die Kreuze von Kindern und Jugendliche geschleppt? Worum geht es bei dieser Aktion, lauteten die aufkommenden Fragen der Schaulustigen? Zur Erklärung: Vor ein paar Jahren haben wir vom Kleinen Nazareno uns entschlossen, medienwirksame Aktionen durchzuführen. Mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf das Leiden der Straßenkinder zu richten und gleichzeitig unsere konkreten Lösungsvorschläge einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die ersten Aktionen wurden im Alleingang vom Kleinen Nazareno organisiert. Durch die Leitung der Nationalen Kampagne „Criança não é de Rua” (frei übersetzt: „Es gibt keine Straßenkinder, nur Kinder, die auf der Straße leben“) haben wir jetzt ganz andere Möglichkeiten, um auch auf nationaler Ebene zu wirken. Aufgrund dessen haben wir verschiedene Einrichtungen in den Bundesländern aufgerufen, alle gemeinsam, an dem selben Tag und zum selben Zeitpunkt, eine Solidaritätsaktion für Straßenkinder durchzuführen. Vereine in zehn verschiedenen Bundesländern sind Aktion in João Pessoa, Hauptstadt vom Bundesland Paraíba In Fortaleza: Jedes Kreuz symbolisiert ein Kind auf der Straße unserem Aufruf für eine Aktion in der Karwoche am Mittwoch, dem 8. April um 16 Uhr, gefolgt. Die kreative Gestaltung der Aktion war dem einzelnen Teilnehmer überlassen. In Teresina, der Hauptstadt vom Bundesland Piauí, hat es sich z. B. der Bürgermeister nicht nehmen lassen, an der Aktion teilzunehmen, die von den Kindern und Jugendlichen durchgeführt worden ist. In Recife wurde die diesjährige Aktion unter der Leitung des Kleinen Nazareno veranstaltet. Dazu schreibt uns Martin Reiger folgende Zeilen: Nach der Kreuzigung legten alle ihre Kreuze ab, bildeten einen Kreis, gaben sich die Hand und wiederholten mehrmals den Slogan der nationalen Kampagne: „Criança não é de rua“. Als die Aktion vorbei war und die Brotzeit verteilt wurde, lief Elias davon, einer von den im Nazareno-Dorf aufgenommen Kindern, und verbrachte erneut eine Nacht auf der Straße. Zum Glück traf ihn Severino, unser zweiter Straßenmitarbeiter, am nächsten Tag auf seinem Stammplatz an und konnte ihn überzeugen, wieder mit ins Dorf zurückzukommen. Doch wie bei der Auferstehung Christi, steckte die gute Nachricht andere an. Denn am Karfreitag stand plötzlich Bruno, ein Freund von Elias, den er an dem Abend der Aktion auf der Straße angetroffen hatte, vor dem Tor des Kleinen Nazareno und bat darum aufgenommen zu werden. Obwohl er schon 13 Jahre alt ist, machten wir eine Ausnahme und nahmen ihn bei uns auf. In Fortaleza stülpten die Kinder, wie in jedem Jahr, am Ende der drei km langen Strecke, ihr Kreuz in den weißen Strandsand. Insgesamt 412 Kreuze. Jedes Kreuz symbolisiert ein Kind, dass in Fortaleza auf der Straße lebt und bisher nicht die Möglichkeit hatte, ein neues Leben, weit weg von der Straße, anzufangen. In der Mitte: Der Bürgermeister in Teresina, Hauptstadt vom Bundesland Piauí Die „Kreuzigung“ in Nova Iguaçu Aktion in São Luís, Hauptstadt vom Bundesland Maranhão Aktion in Palmas, Hauptstadt vom Bundesland Tocantis umzingelt von Fernsehreportern, zitierte Maicon (12 Jahre und seit drei Jahren im Nazareno-Dorf) ein Gedicht, welches versuchte, die Gefühle und Sehnsüchte der noch auf der Straße lebenden Kindern, Ausdruck zu verleihen. Darum geht es: Die Stimme zu sein, von noch Tausenden von Kindern und Jugendlichen, denen eine Zukunftsperspektive, weg von der Straße, versperrt ist. Jedes dieser Kinder hat das Recht, entweder durch eine massive Unterstützung seiner durchweg armen Eltern wieder zurück nach Hause zu gehen oder, falls diese Möglichkeit nicht besteht, von Einrichtungen aufgenommen zu werden, wie dem Kleinen Nazareno.
Das Kultusministerium hat in jeder Hauptstadt eine Handvoll Organisationen ausgewählt, um Projekte im Bereich Medien und Kultur zu finanzieren. Obwohl wir im eigentlichen Sinne nicht in diesem Bereich arbeiten, haben wir dennoch ein Projekt ausgearbeitet. Wir benötigen schon seit längerer Zeit üppiges Filmmaterial, um die Lebenssituationen der Straßenkinder zu verdeutlichen. Und siehe da: Der Kleine Nazareno wurde ausgewählt, in einem Zeitraum von 3 Jahren, Jugendliche in Filmtechnik auszubilden und mit ihnen zusammen Dokumentarfilme zu drehen. Das Szenarium bilden die Elendsviertel, aus denen die Kinder und Jugendlichen stammen, und die Straße, wo sie für einige Zeit gelebt haben, bevor sie vom Kleinen Nazareno aufgenommen worden sind. Der Medienkurs startete vor einer Woche und wird von 14 Jugendlichen besucht. Sie lebten alle im Nazareno-Dorf und arbeiten jetzt halbtags in verschiedenen Firmen von Fortaleza. Für 20 Stunden wöchentlich kommen sie zum Büro des Kleinen Nazareno, wo der Kurs stattfindet. Ich kann mir vorstellen, dass wir Das Stülpen der Kreuze im Strand von Fortaleza Luizinho während seinen ersten Aufnahmen ganz fantastisches Filmmaterial bekommen werden, da die Teilnehmer die Hauptdarsteller sind und diese unheimlich viel zu erzählen haben.
Nicht viele Kinder, die in einem der beiden Nazareno-Dörfer Zuflucht gefunden haben, reden so detailliert und so viel über den eigenen Lebenslauf. Antônio Matheus hat uns einige Stunden beschäftigt, da er gar nicht mehr aufhören wollte, von seinen bisherigen Lebensumständen zu berichten. Einige besonders brutale Schilderungen haben wir jedoch abgeschwächt oder stark gekürzt, um seinen Bericht in diesem Rundschreiben veröffentlichen zu können. Dennoch gibt uns seine Erzählungen einen sonst verborgenen Einblick in die Welt der Straßenkinder. Er ist jetzt 14 Jahre alt und lebt seit einem Jahr im Dorf: „Ich wohnte mit meiner Mutter und meinen Brüdern. Wir waren acht Geschwister, vier Jungs und vier Mädchen. Mein ältester Bruder ist tot. Als er gestorben ist, bin ich auf die Straße gegangen. Er ist erschossen worden. Er war süchtig nach Haschisch und klaute viel. Er hat sogar schon einmal unseren Nachbarn überfallen. Eines Tages traf er auf der Straße einen Typen, mit dem er schon Ende des Jahres Streit gehabt hatte. Der ging ganz nah an meinem Bruder vorbei und sagte zu ihm: „Dein Tag ist gekommen!“ Nachts stand mein Bruder vor dem Haus meines Onkels. Er hatte das Baby meiner Cousine auf dem Arm. Der Typ kam auf einem Mofa vorbeigefahren und hat fünfmal auf meinen Bruder geschossen. Zwei Schüsse haben ihn getroffen. Mein Bruder hat das Baby auf den Boden fallen lassen. Eine Kugel hat seine Lunge getroffen, die andere ist in der Wirbelsäule stecken geblieben. Mein Bruder ist nicht sofort gestorben. Er war vorher einige Zeit im Krankenhaus. Als er entlassen wurde, ist er nach Hause gekommen, aber er konnte nicht mehr laufen. Er saß im Rollstuhl, weil er seine Beine nicht mehr spürte. Da er immer auf einer Matratze lag, hatte er Wunden am ganzen Körper. Eines Tages bekam er Atemnot. Deshalb ist er wieder ins Krankenhaus gegangen, wo er später gestorben ist. Er war 15 Jahre alt. Als mein Bruder angeschossen wurde, kam mein Cousin mit einer Pistole in der Hand aus einer Seitengasse gerannt. Er hat dreimal auf den Typen geschossen, aber er hat ihn nicht getroffen. Später hat mein großer Bruder, er ist 18 Jahre alt, den Mörder meines Bruders in einer Bar gesehen. Er ist hinter ihm her und hat ihn mit einem Messer in den Hals gestochen. Als mein Bruder angeschossen wurde, war ich nicht zu Hause. Ich war unterwegs, um Süßigkeiten zu verkaufen. Als ich an der Bushaltestelle ankam, hörte ich einen Knall. Da habe ich zuerst gedacht, dass jemand ein Tor geschossen hätte. Es war ja gerade Fußballweltmeisterschaft. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass es ein Schuss war oder schlimmer noch, dass es meinen Bruder getroffen hat. Alle sind weggerannt und ich dachte immer noch, dass ein Tor gefallen war. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Menschenmenge um etwas herumstehen. Da sah ich, dass mein Bruder von einigen Leuten weggetragen wurde. Er hat mich angeschaut. Dann hat er die Augen geschlossen. Er hat geschrien, dass er seine Beine nicht mehr spüre, und hat nach unserer Mutter gerufen. Die Jungs haben ihn in ein Auto gelegt und ins Krankenhaus gefahren. Meine Mutter hatte ihm immer schon gesagt, dass er sein Leben ändern müsse. Aber in Wahrheit rauchte er nur noch ab und zu Haschisch. Er klaute nicht mehr und ging zur Schule. Ich bin sehr traurig, dass mein Bruder gestorben ist.
Meine Geschwister und ich haben alle denselben Vater, nur meine kleine 4-jährige Schwester ist die Tochter meines Stiefvaters. Meine Eltern haben sich vor neun Jahren getrennt. Mein Vater kommt ab und an zu uns nach Hause und gibt uns etwas Geld. Meine Mutter kauft dann Reis, Bohnen und Brot fürs Frühstück. Mein Stiefvater besucht uns auch manchmal, isst etwas und sieht bei uns fern. Meine älteste Schwester war Crack-süchtig. Sie hat Sachen aus unserem Haus geklaut, um sich Drogen kaufen zu können. Jetzt wohnt sie aber nicht mehr bei meiner Mutter. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Ich glaube der Teufel führt die Menschen in Versuchung. Er redet uns ein, dass Klauen gut ist. Meine Tante kommt auch oft zu uns, weil ihr Mann Drogen nimmt, deshalb hält sie es bei sich zu Hause nicht aus. Mein Haus sieht aus wie ein riesiger Ofen. Alle rauchen! Der Zigarettenqualm steigt sogar aus den Dachluken des Hauses. Die Kinder husten die ganze Zeit, deshalb habe ich ihnen gesagt, sie sollten draußen rauchen.
Eine Zeit lang hat mein Vater den ganzen Tag nur getrunken. Er hat gar nichts mit nach Hause gebracht, deshalb hatten wir nichts zu essen. Ich habe sogar geweint vor Hunger. Da habe ich meiner Mutter gesagt, dass sie sich nicht schämen soll. Ich bin dann zu unserer Nachbarin gegangen. Sie mag unsere Mutter sehr gerne. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas zu essen für mich und meine Mutter hätte. Sie hat uns etwas gegeben. Ich habe es meiner Mutter gegeben. Dann bin ich zu einem Laden gelaufen. Dort haben sie mir Kekse gegeben. Die habe ich sofort gegessen. Dann habe ich meinem Vater gesagt, er soll mit dem Trinken aufhören. Er ist durch den vielen Schnaps krank geworden. Heute arbeitet er als Schreiner.
Ich bin so etwa mit 10 Jahren das erste Mal auf die Straße gegangen. Ich hielt mich in den Busterminals und im Zentrum auf. Ich habe die Leute um Geld angebettelt, damit ich mir Essen kaufen konnte. Damals nahm ich keine Drogen. Ich verkaufte Süßigkeiten. Dann fuhr ich nach Hause und gab das ganze Geld meiner Mutter. Ich habe so ungefähr mit zwölf Jahren angefangen Drogen zu nehmen. Ich habe mich mit den anderen Jungs, die Drogen nehmen, angefreundet. Ich fing an, Klebstoff und Lösungsmittel zu nehmen und Zigaretten zu rauchen. „Pedra“ (= Crack ) habe ich aber nie genommen. Ich war damals sehr dünn. Wenn ich auch Crack genommen hätte, wäre ich nur noch Haut und Knochen gewesen. Ich hörte auf zu arbeiten. Drogen legen einen Menschen komplett lahm. Ich habe mit allem aufgehört. Nichts mehr gelernt. Die Drogen haben mich sogar von meiner eigenen Mutter, die mich auf die Welt gebracht hat, distanziert. Meine Mutter hat oft versucht, mit mir zu reden. Sie hat mich in der prallen Sonne gesucht. Aber das hat alles nichts genützt. Ich bin nicht nach Hause gekommen. Ich habe auch schon mit meinem Bruder, der mittlerweile tot ist, zusammen geklaut. Wir sind über die Mauer des Militärstützpunktes gesprungen. Wenn die Kinder vorbei kamen, um zur Schule zu gehen haben wir Fahrräder und Sandalen geklaut. Die Kinder wohnten bei meinem Vater in der Nähe und sagten, sie würden es ihm erzählen. Wir waren noch so jung, dass uns das egal war. Als mein Vater es erfuhr, kam er, nahm ein Handtuch, machte zwei Knoten ans Ende, hielt es unter Wasser und schlug uns damit. Manchmal sind wir in einen Laden gegangen und haben einfach alles in unseren Rucksack gepackt: Shampoo, Cremes etc. Wir haben nur ganz billige Kekse gekauft. Nur die Kekse haben wir bezahlt. Dann sind wir nach Hause gegangen und haben alles aufs Bett geworfen. Dann haben wir die Sachen aufgeteilt, um sie zu verkaufen. Meine Mutter hat es gesehen, aber sie wusste nicht, dass wir alles geklaut hatten Danach bin ich wieder auf die Straße gegangen. Wenn ich die Leute nach Geld gefragt habe, haben diese Angst gekriegt. Ich habe ihnen dann gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Die Kioskverkäufer haben mich losgeschickt, um Zucker und Kaffe zu kaufen, das Restgeld haben sie mir gegeben.Am Anfang habe ich meine Familie vermisst. Ich habe jede Nacht geweint, aber irgendwann bin ich total abgestürzt auf der Straße und habe gar nicht mehr an meine Familie gedacht. Ich war einmal bei einer Messe im Zentrum von Fortaleza, die nur für Leute von der Straße gehalten wurde, seitdem habe ich über Jesus nachgedacht. Einmal war ich im Stadtteil „José Walter“. Meine Freunde und ich sind über den Zaun auf das Gelände gesprungen, um uns Mangos zu holen. Als wir alle drin waren, kam ein Wachmann angerannt, hat uns angeschrien und beschimpft. Dann hat er geschossen. Ich wollte über den Zaun klettern und abhauen, aber ich bin abgerutscht. Meine Freunde haben es über den Zaun geschafft. Plötzlich habe ich Schüsse gehört peng, peng, peng! Ich dachte ich wäre getroffen worden. Ich bin ängstlich zur Seite gesprungen, habe mir an den Kopf gefasst und zu Gott gebetet, dass er mich nicht sterben lässt. Die Kugel hatte mein Bein gestreift. Als ich an mir heruntergeschaut habe, habe ich gesehen, dass überall Blut war. Da habe ich Angst gekriegt. Ich habe mein Bein abgetastet und gemerkt, dass es nur ein Streifschuss war. Ich habe mein Hemd ausgezogen, es zerrissen und um die Wunde gebunden. Einer Freundin von mir ist auch schon ins Bein geschossen worden. Ein Mann ging an uns vorbei, hat uns unseren Kleber weggenommen und über eine Mauer geworfen. Wir sind über die Mauer gesprungen, um den Kleber wiederzuholen. Mein Bein war noch immer verletzt und tat weh. Auf einmal kam ein Wachmann auf einem Motorrad angefahren. Er hat geschossen peng, peng, peng! Wir sind alle weggerannt. Ich bin gerannt. Mein Bein hat sehr weh getan. Als wir endlich am Zaun waren, hat meine Freundin ihr Bein durch die Drähte geschoben. Der Schuss hat sie genau ins Bein getroffen. Sie hat es nicht mal bemerkt. Sie ist einfach weiter gelaufen. Ich habe gesehen, dass ihr Bein blutete. Mein Bein hat auch wieder angefangen zu bluten. Die Wunde von meinem Streifschuss war noch frisch. Durch das schnelle Laufen ist meine Wunde wieder aufgeplatzt. Ich dachte zuerst, mein Blut sei auf ihr Bein gespritzt. Ich habe ihr gesagt, dass es nur mein Blut ist. Sie ist stehen geblieben, hat sich ans Bein gefasst. In dem Moment hat sie geschrien. Später ist sie vom Krankenwagen weggebracht worden. Der Wachmann hatte gedacht, dass wir etwas klauen wollten. Ich war schon für 45 Tage im Jugendgefängnis. Ich war damals sehr wütend. Ich wollte nur klauen. Es kam eine Frau an mir vorbei gelaufen. Sie ist abgebogen. Ich und ein anderer Junge sind hinter ihr hergegangen. Da kam die Polizei. Der andere Junge ist weggerannt. Ich bin stehen geblieben. Sie haben mich mitgenommen, weil sie dachten, ich wollte die Frau ausrauben. Sie haben auf mich eingeschlagen, mich in das Polizeiauto geworfen. Als ich in der „FEBEM“ ankam habe ich gesehen, wie ein Kerl auf einen Jungen eingeschlagen hat. Der hat geschrien. Sie haben ihn an den Füßen gefesselt und ihn hin- und hergezogen. Als ich dort neu war, habe ich versucht, mich mit den Jungs anzufreunden. Ich habe mit ihnen Fußball gespielt. Meine Mutter kam dort hin, hat etwas unterschrieben und ich konnte gehen. Aber ich bin wieder auf die Straße gegangen und meine Mutter ist immer wieder dorthin gegangen und hat unterschrieben. Ich habe mir den Namen meiner Mutter eintätowieren lassen. Sie wollte das, damit ich sie nicht vergesse. Immer wenn ich meine Tätowierung gesehen habe, habe ich an meine Mutter gedacht und musste weinen. Auf der Straße habe ich meine kleine Schwester sehr vermisst. Als ich einmal wieder von daheim weggegangen bin, ist sie sogar krank geworden, weil sie so große Sehnsucht nach mir hatte. Sie war sehr traurig, weil ich auf der Straße war und nicht mehr nach Hause gekommen bin, um mit ihr zu spielen. Mir hat es auf der Straße gefallen. Ich hatte mich bereits total daran gewöhnt, hatte auch viele Freunde dort.
Heute weiß ich aber, dass die Straße nicht gut für mich war. Ich habe so viel gelitten. Wir konnten nirgendwohin gehen. Alle haben uns immer gleich verscheucht. Im Busbahnhof haben die Wachleute uns oft Motorradreifen auf den Kopf geworfen und gesagt, wir sollten aufstehen und uns dort nicht mehr blicken lassen. Im Zentrum haben uns die Wachleute nie vor den Geschäften schlafen lassen, weil die Läden früh aufmachen. Wir haben da immer gestört, alles dreckig gemacht. Ich schlief nie mehrmals am gleichen Ort. Ich musste mir jede Nacht einen neuen Schlafplatz suchen. Auf der Straße liegt die eigene Zukunft zerstört am Boden. Man lernt zwar einiges, aber wenn man auf der Straße bleibt, hat man absolut keine Chance. Wenn man groß ist, wird man nichts im Leben erreichen. Das ist mir klar geworden, als ich die Älteren auf der Straße gesehen habe. Ehrlich gesagt, wenn man mit 15 Jahren noch auf der Straße ist, ist das Leben schon vorbei. Da wird man ein richtiger Verbrecher, klaut, prügelt sich, wird angeschossen und landet im Gefängnis. Das endet nie gut. Mein Bruder hat es nicht geschafft, er ist mit 18 Jahren noch auf der Straße. Nach neun Monaten auf der Straße bin ich nach Hause zurückgegangen und habe meine Mutter gebeten, mir einen Ort zu suchen, wo ich wohnen kann. Das Leben auf der Straße lohnt sich nicht. Ich will etwas lernen, arbeiten. Ich will Polizist werden. Ich werde nichts Schlechtes tun.
Ich werde nur Gutes tun. Ich habe so viel gelitten. Dann habe ich an Gott gedacht. Ich habe es geschafft, an einen besseren Ort zu gehen. Jetzt fühle ich mich besser, ich spucke kein Blut mehr. Früher hatte ich sogar Probleme beim Urinieren. Ich spürte, dass mein Körper immer schwächer wurde. Ich war dünn. Ich bestand nur aus Haut und Knochen. Jetzt nicht mehr. Hier im Nazareno-Dorf lerne ich viel. Ich lerne gerade lesen. Meine Lehrerin hat mir das Buchstabieren beigebracht. Ich will Polizist werden. Ich möchte was für meine Zukunft tun. Ich bin bereit, den richtigen Weg zu gehen in eine bessere Zukunft. Ich will meiner Mutter helfen. Und ich werde es schaffen, diesen Traum zu verwirklichen, so Gott will.
Nicht von allen Kindern haben wir so wertvolles Bildmaterial wie von Régis. Er wurde von mir auf der Straße vor zwölf Jahren angesprochen. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich Fotos von ihm machte und er mir daraufhin drohte: “Wenn Sie noch ein weiteres Foto von mir machen, werde ich Ihnen den Fotoapparat auf den Kopf zertrümmern.“ Auch heute noch ist er sehr zielstrebig und überzeugend. Vielleicht auch wegen diesen Eigenschaften haben wir ihn als Officeboy im Büro eingestellt.Régis lebt seit Anfang letzten Jahres bei seiner Mutter. Er ist fest bei uns angestellt, geht abends zur Schule und am Wochenende nimmt er an zwei weiterführenden Kursen teil. Régis als er noch auf der Straße lebte Régis bei seiner Arbeitsstelle.