Informationen aus Fortaleza und Recife Dezember 2007

Liebe Freunde und Mitglieder vom Kleinen Nazareno,

wer keine Visionen hat, der hat auch keine Zukunft.

So oder ähnlich gehen wir an unsere neue Aktion, die wir Ende diesen Jahres ins Leben gerufen haben. Unser Ziel ist es, dass wir 1.000 Bäckereien finden, die ein Nazareno-Brot backen. Von diesem Nazareno-Brot fließen 50 Cent in eine Patenschaft für ein ehemaliges Straßenkind. Die Bäckerei übernimmt nur eine Schirmherrpatenschaft und der Kunde ist der Spender. Das Besondere daran ist, das die Bäckerei fast gar keine Arbeit hat und sich deshalb viele Bäckereien finden lassen, die mitmachen. Jede Bäckerei bekommt einen Spendenzettelblock, von dem sie zu jedem verkauften Nazareno-Brot einen Belegzettel dazugibt. Am Ende des Monats wird der gespendete Betrag von dem Bäckereikonto abgebucht. Bei 1.000 Bäckereien könnten wir es schaffen, dass zwischen 500 und 1.000 Straßenkinder weniger auf den Straßen in Brasilien leben müssten. Da die Aktion sehr einfach ist könnte das zum Meilenstein für den Kleinen Nazareno werden.

Und so kann jeder mitmachen:

gehen Sie doch zu Ihrer Bäckerei um die Ecke. Dort sprechen Sie den Besitzer an, ob er nicht mit der Nazareno-Brot-Aktion den Straßenkindern helfen möchte. Bei Interesse geben Sie uns die Telefonnummer und wir setzten uns umgehend mit der Bäckerei in Verbindung.

Die Bäckerei wird ausgestattet mit: 1 Spendenblock mit 500 nummerierten Belegzetteln 4 Tischaufsteller 2 Plakate 1 Deckenhänger 1 Rezeptvorschlag für das Nazareno-Brot 2 Merkzettel über den Ablauf der Aktion

Ihnen und Ihren Familien wünsche ich von ganzem Herzen ein frohes und besinnliches Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Werner Rosemeyer

 

Inhaltsverzeichnis

1                 Weihnachtsbrief von Lucas

2                 Der Kleine Nazareno eröffnet ein Bildungswerk für die Eltern

3                 Mathematische Rechenspiele 

4                 “Hut ab” von Martina Gohritz

5                 Gedicht von Jonas

6                 Kurznachrichten

7                 Weihnachtsgruβ von Bernardo

 

 

1. Lieber Weihnachtsmann! Von Lucas (9 Jahre)

Oft denke ich an die Zeit, als ich noch auf der Straβe lebte. Ich meine, zu Weihnachten verhalten sich die Menschen anders. In dieser Zeit gibt es sogar Geschenke. Aber was kann ich mit einer neuen Hose machen, wenn ich keinen Schrank habe? Was nützt mir das viele Essen zu Weihnachten, wenn ich danach wieder Hunger habe und betteln muss? Auf der Straβe war Weihnachten immer die schlimmste Zeit. Ich wollte doch auch fröhlich sein, zusammen mit meiner Familie. Zu Weihnachten stank die Straβe wie jeden Tag nach Dreck und Mist.

Doch wo ich jetzt lebe, riecht es nach Blumen und Natur. Von meinem Zimmer aus kann ich auf einen kleinen See schauen und nach der Schule spiele ich mit Murmeln oder gehe schwimmen. Das ist Weihnachten! Es gibt kein besseres Geschenk auf der ganzen Welt! Dieses Geschenk ist nicht mit Geld zu kaufen. Lieber Weihnachtsmann: Dir und allen Menschen, die mir geholfen haben, im Nazareno-Dorf zu leben, herzlichen Dank und fröhliche Weihnachten (jetzt ist gut, da ich sehr müde bin und schlafen möchte)!

2. Der Kleine Nazareno eröffnet ein Bildungswerk  für die Eltern

“Ja, ich hätte da einen Wunsch” so erzählte, etwas beschämt, Dona Joana, die mit ihren 4 Kindern in einer Baracke in einem der Elendsviertel Fortalezas lebt. ”Ich bin nie zur Schule gegangen. Ich kann weder Lesen noch Schreiben und würde auch sehr gerne Nähen lernen”. So wie Dona Joana sind die meisten Eltern der Kinder, die wir von der Straβe in eines der Nazareno - Dörfer aufgenommen haben, Analphabeten. Am 15. Januar nächsten Jahres wird der Kleine Nazareno dem Wunsch vieler dieser Eltern entgegenkommen und eine berufsausbildende Schule eröffnen. Die Räumlichkeiten wurden uns unentgeltlich von einer Pfarrei in der Innenstadt Fortalezas zur Verfügung gestellt und die anfänglich 9 Nähmaschinen, wird das deutsche Konsulat finanzieren. Jeweils 20 Mütter werden so die Möglichkeit haben, einmal in der Woche, morgens, an einem Alfabetisierungsunterricht teilzunehmen. Nachmittags werden 3 weitere Kurse angeboten: Nähen, Maniküre und Haareschneiden. Obwohl Ähnlichkeiten zu deutschen Erwachsenenbildungskursen nicht ganz zu leugnen sind, so gibt es doch gewisse kleinere Unterschiede. So werden die Mütter hier ihre kleinen Kinder mitbringen müssen, da sonst keiner auf sie aufpasst und die Omnibusfahrkarten werden vom Kleinen Nazareno bezahlt. Viele Eltern wissen nicht einmal, wie sie Lebensmittel für ihre Kinder kaufen können. In den nächsten Nachrichten werde ich einen kleinen Erfahrungsbericht schreiben und über diese konkrete Familienhilfe, deren Fortschritte und vielleicht auch Rückschläge, berichten.

 

 

3. Mathematische Rechenspiele  von Jamilson    

Die Frage, die ich mir häufig stellte: Werde ich es schaffen oder nicht, 20 Jahre alt zu werden? Ich lebte damals im Stadtzentrum von Recife. Nachdem, was ich auf der Straβe alles erlebt habe, weiβ ich, dass 20 Jahre die durchschnittliche Lebenserwartung für einen Menschen dort ist. Mittlerweile sind meine Zweifel behoben, nicht weil sich die Situation auf der Straβe gebessert hätte, sondern weil ich es geschafft habe.

Der Kleine Nazareno hat mich aufgenommen und dadurch hat sich meine Lebenserwartung um über 50 Jahre erhöht. Hat jemand von Ihnen schon einmal so ein Geschenk bekommen? 50 Jahre länger leben dürfen? Ich bin jetzt genau 18 Jahre alt, stehe jeden morgen um 4 Uhr in der Früh auf, da ich als Lehrling in einem Betrieb arbeite. Ich bekommen einen halben Mindestlohn und nachmittags gehe ich noch in die Schule. Ich möchte in 2 Jahren mein Abitur machen. Ich hab ja Zeit, viel Zeit!

 

4. “Hut ab” von Martina Gohritz

Hut ab vor jedem Kind, das es schafft, der Straße den Rücken zu kehren. Dieser Satz von Bernardo ist mir von allen Informationen, die ich während der Vorbereitung auf mein Praktikum über Straßenkinder gelesen oder gehört habe, ganz besonders deutlich im Gedächtnis geblieben. Was dieser Satz genau bedeutet, habe ich vor meinem Abflug nach Fortaleza nicht verstanden. Und ich habe weitere 6 Wochen gebraucht, bis mir der Inhalt dieser Worte wirklich klar wurde. Wenn man die Kinder hier im Sítio dabei beobachtet, wie sie in den Mangobäumen herum turnen, Fußballspielen, mit den Pferden durchs Gebüsch flitzen oder im See schwimmen, könnte man sie für ganz normale Kinder halten. Man sieht, wie wohl sie sich hier fühlen und wie frei und ungezwungen sie sich hier bewegen können. Ab 6 Uhr morgens bis abends hört man sie lauthals lachen, schreien, singen, Flöte spielen, auf dem „Campo“ herumkrakeelen, raufen oder mit Hacke und Spaten im Garten werkeln. Ruhig ist es hier im Sítio mit ca. 75 Jungs nur in den ganz frühen Morgenstunden, während der Zeiten, in denen die Kinder in der Schule sind oder zu den jeweiligen Essenszeiten. Und natürlich nachts, wenn alle Rabauken in ihren Betten liegen und friedlich schlafen. Wieviel Kraft die Kinder seit ihrer Ankunft bis zum Zeitpunkt, an dem sie sich hier wirklich eingelebt haben, aufbringen mussten, wieviele Enttäuschungen sie erlebt, wieviel Wut sie hinuntergeschluckt und wie viele Tränen sie verdrückt haben, sieht man ihnen heute nicht mehr an. Paulinho ist 13 Jahre alt und wohnt zusammen mit weiteren 11 Jungen im Alter zwischen 12 und 15 seit zwei Jahren im „Casa da Mangeira“ (bras. Haus des Mangobaums). Wie seine Freunde ist er ein leidenschaftlicher Fußballspieler und begeisterter Pferdeliebhaber, aber er schreibt und malt auch gerne und seit kurzem lernt er sogar Blockflöte. Am Tag des Flötenunterrichts, immer Donnerstag, vergisst Paulinho alles um sich herum. Da gibt es für ihn nur eines: die Flöte, die buchstäblich nur zum Essen aus der Hand gelegt wird. Die übrige Zeit trällert er allein oder im Duett mit Bruno oder Webert „Stille Nacht“, „Jingle Bells“ oder andere Stückchen, die ihnen ihr Lehrer Raffael beibringt. Edinho und Osmar, Paulinhos ältere Brüder gehen weder zur Schule noch haben sie ein Dach über dem Kopf oder regelmäßig etwas zu essen. Flöte spielen werden sie in ihrem Leben bestimmt nicht mehr lernen, denn, wenn sie Glück haben, werden sie 20 Jahre alt und die Zeit, die ihnen bis dahin noch bleibt, werden sie in ständiger Angst um ihr Leben oder auf der Suche nach Essen, Drogen oder einem geschützten Schlafplatz verbringen. Ich habe sie am Busbahnhof „Lagoa“ in Fortaleza kennengelernt. Völlig abgemagert, dreckig, verschrammt, die Klebstoffflaschen fest umklammert, apathisch und kaum mehr in der Lage, einfachste Rechenaufgaben zu bewältigen. Ausgebrannt. Hoffnungslos. Auch wenn Osmar und Edinho schwer vom Leben auf der Straße gezeichnet sind, erkennt man auf den ersten Blick, dass sie mit Paulinho verwandt sein müssen. Und doch unterscheidet sich Paulinho auf den zweiten Blick in einem ganz wesentlichen Punkt. Er ist unheimlich stark. Stärker als seine beiden älteren Brüder, die ihn, als er noch auf der Straße war, gegen alles und jeden verteidigt haben. Paulinho ist, seit er im Sítio lebt, also seit er 11 Jahre alt ist, selbst für sich verantwortlich. Und er meistert diese Aufgabe sehr gut. Natürlich ist er hin und wieder trotzig, unnahbar oder aggressiv. Aber er stellt sich den für ihn neuen Herausforderungen wie regelmäßig zur Schule zu gehen, einem geregelten Tagesablauf mit individuellen Aufgaben und Pflichten nachzugehen oder Hausaufgaben zu machen. Und er hält durch. Wie all die anderen Jungs hier im Sítio ist Paulinho Gott sei Dank nicht alleine. Alle, die hier im Sítio oder hinter den Kulissen arbeiten, bemühen sich mit vereinten Kräften, Kindern wie Paulinho zu einem normalen Leben zu verhelfen und sie auf ihrem schwierigen Weg zu leiten und zu unterstützen. Und wir alle hoffen, dass Paulinho und all die anderen, die hier sind und diejenigen, die hoffentlich noch aufgenommen werden können, ihr Leben meistern und wir freuen uns auf Weihnachten, wo die besten Flötenspieler, darunter auch Paulinho, ihr erstes kleines Konzert geben werden.

 

 

5. Gedicht von Jonas

Verderbe dein Weihnachten nicht mit Tränen, wenn du lachen kannst.

 

Auf der Straβe sind mir die Menschen aus dem Weg gegangen,

jetzt kommen sie auf mich zu.

Auf der Straβe wurde ich nicht ernst genommen,

jetzt fragen die Menschen mich nach meiner Meinung.

Auf der Straβe gibt es nur 2 Auswege: den Tod oder das Gefängnis,

jetzt habe ich das Leben vor mir.

Auf der Straβe war ich immer wütend,

jetzt bin ich dankbar.

Auf der Straβe dachte ich viel an Rache,

 

 

jetzt möchte ich Verzeihen lernen.
Verzeihen. Meinem Vater, meiner Mutter, mir selbst!
Immer wieder Danke, lieber Weihnachtsmann.
Immer wieder Danke an die, die mich aufgenommen haben.
Immer wieder Danke allen Menschen!

 

 

6. Kurznachrichten

a.) Seit kurzer Zeit gibt es in Brasilien ein neues Gesetz, das den Betrieben vorschreibt, einen bestimmten Prozentanteil Lehrlinge aufzunehmen. Allein im letzten Monat haben wir deshalb für 3 Jugendliche eine Lehrstelle gefunden (zwei davon haben eine Lehrstelle in der Hängemattenfabrik JOBEK gefunden, die vor einigen Wochen für ihre soziales Engagement ausgezeichnet worden ist). Sie arbeiten 4 Stunden in der Firma, gehen nachmittags weiterhin zur Schule und bekommen Ende des Monats einen halben Mindestlohn, neben sämtlichen sozialen Absicherungen (Krankenversicherung, Ferien etc.).

b.) Unsere Oleandersträuche, immergrün und reich blühend, die mittlerweile bis zu 3 Meter hoch gewachsen sind und den Weg zur Sporthalle zieren, haben nicht mit Antônio, einem “nicht zu unterschätzenden Feind”, gerechnet. Da dieser die Gefechte nicht auf Augenhöhe mit dem Strauch austragen kann (er ist gerade mal 8 und etwas klein geraten), nimmt Antônio gerne mal einen längern Stock zu Hilfe, um der ihm widrigen Pflanze den Garaus zu machen. So hinterlässt er jedes Mal, wenn er Fuβball gespielt und verloren hat, Spuren der Verwüstung. Von einem Erzieher daraufhin angesprochen, gelobte er, sich zu bessern und den Schaden wieder zu beheben. Beim Erzieher kamen Zweifel auf. Um so gröβer war das Staunen am nächsten Tag: Antônio hatte früh morgens die abgebrochenen Oleanderzweige mit Tesafilmsteifen wieder zusammengeflickt. Seitdem ist der ökologische Frieden im Dorf wieder eingekehrt, wofür es eigentlich nur 2 Erklärungen geben kann: Entweder hat Antônio sich ernsthaft besonnen oder er spielt mittlerweile etwas besser Fuβball!

 

c.) In den beiden Nazareno-Dörfern sind alle 9 Wohnhäuser für die Kinder offen. Auch in Recife steigt die Anzahl der Kinder, die im Nazareno-Dorf/Recife Zuflucht gefunden haben, stetig. Ingesamt leben in beiden Dörfern 110 Kinder.

d.) Die Nationale Kampagne “Kinder gehören nicht der

Straβe”, die vom Kleinen Nazareno organisiert wird, läuft mit Volldampf weiter. Mitte November hatten wir ein Treffen mit der Senatorin, Patrícia Saboya Gomes, die uns beim offiziellen Start im brasilianischen Senat unterstützte. Sie hat sich während des Gespräches über die Neuigkeiten informiert und bereit erklärt, an der Nationalen Konferenz, geplant für Ende nächsten Jahres in Brasilia, teilzunehmen. Besonders beeindruckt war sie von den Untersuchungen, die das Nationale Komitee, bisher durch die Besuche der einzelnen Bundesländer gesammelt hatte. Wir dürften bis Ende Mai nächsten Jahres die noch fehlenden Bundesländer besucht haben und danach die Anzahl der Kinder, die in den Hauptstädten Brasiliens auf der Straβe leben, veröffentlichen. Die Aufmerksamkeit der Bundespresse ist uns gewiss, da bisher keine Organisation die genaue Anzahl der Straβenkinder in allen Haupstädten benennen und belegen konnte!

 

7.         Weihnachtsgruβ       von      Bernardo

Er hat sein Gesicht von uns abgewandt. Unsere Blicke fallen auf seinen entblößten Rücken, auf seine entzündete Wunde am hinteren Teil seines linken Oberarms, auf seine blaue, etwas zu groß geratene kurze Polyesterhose. Direkt unter ihm, in der ersten Etage, eine Hundefamilie. Bei genauerem Hinsehen kommen wir auf insgesamt fünf Welpen. Wie Fäden in einem Wollknäuel liegen sie eng aneinander geschmiegt. Der eine, der mit dem in allen Details sichtbaren Kopf, auf dem weißen Fell seines Bruders. Ein anderer mit seinen beiden braunen Pfötchen. Unten rechts im Bildrand, eine verlassene Plastiktüte, aus der oben ein frisches Brötchen herausschaut. Obwohl die Lichtstrahlen der Sonne sich an der Mauerwand und dem Rücken des Kindes… Oh, um Gottes Willen! Seht nur! Ja, es handelt sich hier wirklich um ein Kind! Ein Kind, das an erster Stelle kein Brot zum Essen, sondern Geborgenheit und Zuneigung zum Leben braucht. Ein Kind, das sich nicht an seine Mutter ankuscheln kann, sondern allein und verlassen in sich zusammenfällt. Das Kind zeigt uns nicht sein Gesicht. Und doch! Wenn wir selbst innehalten, kehrtwenden, die Seite wechseln, dann könnten wir dem Kind von Antlitz zu Antlitz schauen und ich bin mir sicher, wir würden etwas von dem Kind erkennen, das vor zwei tausend Jahren in einer armen Hütte in Bethlehem von einer Frau zärtlich in den Armen gehalten wurde. Allen, die uns bei dieser Kehrtwende unterstützen und die uns helfen, Kinder, die auch heute noch in Fortaleza und Recife auf der Straβe leben, in einem der Nazareno -Dörfer aufzunehmen, ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest 2007.

Euer Bernardo!

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