
auch in Deutschland haben wir ein Jahr voller Aktivität nun fast schon hinter uns. Wir hatten Besuch von einer Delegation der brasilianischen Mitarbeiter beim Kleinen Nazareno. Wir haben unseren Internetauftritt neu gestaltet und eine große Wanderausstellung erarbeitet und eröffnet. Diese Liste könnte sich noch um viele kleinere Dinge erweitern lassen. Aber alles bleibt in der Vergangenheit zurück und wird über kurz oder lang in Vergessenheit geraten. Doch darum, worum es eigentlich beim Kleinen Nazareno geht, ist ganz und gar nicht die Vergangenheit, sondern unser Blick gilt der Zukunft – der Zukunft der Kinder und Jugendlichen, die unter erbärmlichsten Bedingungen auf den Straßen in Brasilien gelebt haben. Und die Zukunft auf ein neues menschenwürdiges Leben haben Sie durch Ihre Hilfe ermöglicht. Lassen Sie uns gemeinsam nach vorne schauen und nicht zurück. Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen fröhlichen Rutsch in die Zukunft.
„Ich habe nur einen Wunsch zu Weihnachten: Meine Mutter, wenn sie mich besuchen kommt, soll kein Schnaps vorher mehr getrunken haben. Ich liebe meine Mutter, aber wenn sie mich besuchen kommt, schäme ich mich. Ich habe mich schon versteckt vor ihr. Meine Mutter sagt immer, dass es schneit zu Weihnachten. Das glaube ich nicht mehr! Aber ich glaube, dass es möglich ist, dass sie ihr Leben ändert! Es ist doch Weihnachten! Frohe Weihnachten an alle!“
Neben der Aufnahme von Kindern, die in Fortaleza und in Recife auf der Straße wohnen und leben, geht es uns bei unserer Arbeit darum, die brasilianische Öffentlichkeit über diese soziale Randgruppe zu informieren. Durch mehr oder minder spektakuläre Aktionen möchten wir die Aufmerksamkeit auf das Leid dieser Kinder, aber auch auf mögliche Lösungsvorschläge lenken. In diesem Sinne organisierten wir auch die letzte Weihnachtsaktion: Im allgemeinen überwiegt eine eher oberflächliche Nachrichtenerstattung, in der die negativen, beinahe fatalen Aspekte überwiegen, wenn es um die sogenannten Straßenkinder geht. Durch unsere Weihnachtsaktion wollten wir die Erfolge einer auf Beständigkeit beruhende Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Als eine sich förmlich anbietende Kulisse wählten wir, wie schon des öfteren, die Strandpromenade aus, wo sich die 5-Sterne Hotels und die Luxusapartments tummeln.
In der Weihnachtszeit bringen wir jedes Jahr über die Hälfte der Kinder zu ihren eigenen Eltern. Die Entscheidung wer und wie lange bei seinen Eltern bleibt, treffen wir jedes Jahr aufs neue zusammen mit den Kindern, den Eltern, den Erziehern und der Leitung der Nazareno-Dörfer. Um möglichst keine Gefahr zu laufen, dass ein Kind in den Ferien wieder zurück zur Straße geht. Lange Rede - kurzer Sinn: Das Treffen der Kinder mit ihrern Eltern, was sonst nur die Nachbarn in den Elendsvierteln begutaugen können, wollten wir diese Mal offiziell und im Rahmen einer Weihnachtsfeier öffentlich zelebrieren. So haben wir die Familien eingeladen, um an dieser Feier teilzunehmen. Mit einem Kleinbus wurden sie zum Ort des Geschehens gebracht. Bei allen Beteiligten schlugen die Emotionen Wellen, als die Kinder ihre Eltern in den Armen hielten. Voller Freude und schick angezogen hielten viele der Kinder ihre Zeugnissen in der Hand. Es bedarf keiner Kreativität, um sich den krassen Unterschied zu früher vorzustellen, wo sie noch zum Teil am selben Ort auf einem Stück Pappe zusammengerollt auf der Straße schliefen. Bischof Dom Edmilson Cruz hat die Weihnachtsansprache gehalten. Neben den eingeladenen Gästen, haben sich viele der spazieren gehenden Leute zu uns gesellt. Für die Flötengruppe des Kleinen Nazareno haben wir eine kleine Bühne aufgebaut. Am nächsten Tag gab es eine Stellungsnahme seitens eines Abgeordneten, Delegado Cavalcante, im Landtag von Ceará, der aufgrund der Presseberichte über die Aktion des Kleinen Nazareno, eine Debatte über die Situation von Straßenkindern in Fortaleza anregte.
Die Oma von Thiago, 72 Jahre, schaut mich respektvoll und neugierig an, als wenn sie sagen wollte: „Das ist also der Bernardo, von dem Thiago immer erzählt.“ Aber anstatt zu reden, kramt sie das Fotoalbum der Familie aus einer kleinen Truhe. Das erste Foto stammt von ihrem verstorbenen Sohn, dem Vater Thiagos. Sie lächelt mich an und fängt an zu erzählen: „Vor 26 Jahren bin ich vor der Dürrekatastrophe, zusammen mit meinen Kindern und meinem Mann, aus dem Hinterland in die Stadt geflüchtet. Ich hatte 20 Kinder. fünf habe ich abgetrieben, weil ich wütend war auf meinen Mann. Weitere fünf Kinder sind wenige Zeit nach der Geburt an Unterernährung und Krankheiten gestorben. Der Vater von Thiago ist im Alter von 42 Jahren gestorben, weil ihn sein Lebensmut verlassen hat. Nachdem seine Frau abgehauen ist und die sechs Kinder einfach im Stich lies, fühlte er sich machtlos und fing an zu trinken. Das erste Mal ist die Frau von ihm erst nach über einem Jahr wieder zurück gekommen.“ Die Großmutter von Thiago, übrigens bekannt in der Gemeinde unter dem Namen Dona Santa (die Heilige), erzählt von dem Tag, als ihr Sohn weinend sich auf den Boden neben ihr hin hockte und wörtlich sagte: „Mama, ich möchte nicht mehr leben. Ich werde so lange trinken, bis ich daran sterbe.“ Nach dem Tod meines Sohnes ist Thiago zur Straße gegangen. Ich hätte ihn bei uns aufgenommen, wenn mein Mann es zugelassen hätte. Ob mein Enkelkind noch am leben wäre, wenn er nicht vom Kleinen Nazareno aufgenommen worden wäre, glaube ich nicht!“ Gar nicht so weit von Dona Santa entfernt befindet sich das Elternhaus Thiagos. Ganz im Gegensatz zum Haus der Großmutter, dass, trotz der Armut, einen sehr sauberen und aufgeräumten Eindruck machte, sammelte sich hier der Müll schon vor der Haustür. „Vorsicht, Bernardo, dass sie nicht auf die Scheiße treten“, meinte Thiago besorgt. Direkt am Eingang hatte seine Cousine, ein kleines Baby, splitternackt und auf dem dreckigen Boden krabbelnd, ein Häufchen gemacht. Es ist kaum Platz in der Hütte. Überall häufen sich alte Plastiksäcke, die bis an den Rand mit alten kaputten Schuhen, CD-Hülsen, Zeitungspapier und alten Lumpen gefüllt sind: „Meine Mutter kann nichts wegschmeißen. Sie sammelt alles und es bleibt oft nicht mal Platz das Bett aufzustellen. Wenn wir ausmisten, dann dreht sie durch, schimpft und sammelt wieder alles ein“, erklärt Rosângela, 21 Jahre und Schwester von Thiago. Das Haus wurde direkt an einem Bach gebaut. Jetzt in der Trockenzeit fließt in seinem Becken fast kein Wasser. In der Regenzeit allerdings wird er zu einem reißenden Fluss und das Wasser kommt dann bis zu einem Meter hoch in die Hütte. Thiago erfährt bei unserem Besuch, dass eine seiner Schwestern nicht mehr zu Hause lebt, da sie angefangen hat Crack zu rauchen und dann von Rosângela vor die Tür gesetzt worden ist. Auch in der Nachbarschaft gibt es sehr viele junge Leute die Crack rauchen. Wir kaufen noch ein paar Brötchen und Plätzchen bei einem „Tante Emma Laden“ um die Ecke, der mit Gittern verbarrikadiert ist und die Lebensmitteln nicht größer sein dürfen, als es der Abstand zwischen den einzelnen Gitterstäben zulässt. Auf dem Weg zum Haus treffen wir einen Bekannten von Thiago, der wie ich später erfahre, mit Drogen handelt. Nachdem wir alle etwas gegessen hatten, bittet Rosângela noch um die Telefonnummer des Nazareno-Dorfes.
a.) Es fehlen jetzt nur noch sechs Bundesländer, in der die Nationale Kampagne „Criança não é de Rua“ noch nicht vorgestellt worden ist. Die Kampagne wurde Ende 2005 im brasilianischen Senat ins Leben gerufen und wird von der deutschen katholischen Hilfsorganisation Misereor finanziell unterstützt. „Der Kleine Nazareno“ ist der Initiator dieses sozialen Netzbundes in Brasilien. Allein im Monat November wurde die Kampagne in Manaus und in João Pessoa (Hauptstädte von den Bundesstaaten Amazonas und Paraíba) vorgestellt. Der erste Nationale Kongress von Vertretern der Organisationen, die sich der Kampagne angeschlossen haben, wird voraussichtlich bis Ende nächsten Jahres in Brasilia oder Fortaleza stattfinden.
b.) Vor 2 Jahren hatten wir eine telefonische Konsultation bei den Jugendämtern der Hauptstädte durchgeführt mit dem Ziel, eine Aussage über die Anzahl von Straßenkindern machen zu können. Wie wir schon damals berichtet haben, ist eines der Kritikpunkte in den Menschenrechtsgremien der Vereinten Nationen, dass Brasilien bisher noch über keine verlässlichen Zahlen über die Situation der Straßenkinder verfügt. Damals sind wir auf ein Kontingent von 4.353 Kinder und Jugendlichen gekommen, die in den Hauptstädten Brasiliens auf der Straße leben, wohnen und schlafen. Da diese Zahl aber nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung gewesen ist, haben wir uns an die hiesige Universität gewandt, die eine kleine Gruppe von Soziologen unter der Leitung von Dr. Domingos Abreu zusammen stellte. Diese Gruppe sammelte ein halbes Jahr lang, in enger Zusammenarbeit mit der Nationalen Kampagne, jegliche Veröffentlichungen, Daten und Untersuchungen auf diesem Gebiet. Obwohl das Endergebnis nicht von unserer bisherigen Annahme stark abweicht (die Fachleute kommen auf die Zahl von 4. 843 „Straßenkinder“), haben wir dennoch ein sehr wertvolles Material in der Hand. Wir beraten gerade die nächsten Schritte um dieses Werk zu publizieren. Die Entschuldigung, über keine Daten zu verfügen und aus diesem Grund auch keine nationalen Investitionen tätigen zu können, um dieses Problem in den Griff zu bekommen, zählt dann nicht mehr. Auch unter www.nazareno.de werden wir Ausschnitte aus dieser Untersuchung veröffentlichen.
Seitdem wir Rundbriefe an alle Mitglieder der „Nazareno Gemeinde“ verschicken, flechten wir des öfteren Berichte mit ein, die aus dem Leben eines von uns aufgenommenen Kindes stammen. Obwohl wir noch viele Details abschwächen oder einfach weglassen, sind es leider sehr brutale Geschichten, die wahrheitsgetreu die Gewalt in den Elendsviertel Brasiliens dokumentieren. Fast alle Kinder in den Nazareno-Dörfern, stammen aus Familien, in denen jemand Opfer einer Gewalttat geworden ist. Obwohl ein Bündel von Faktoren vorhanden sein muss, damit Kinder sich entschließen, auf der Straße zu leben, gehört die Gewalt zu den ausschlaggebenden Gründen. Für jemanden, der sich auf die Suche nach den Ursachen des Problems von Straßenkindern macht und der die mit der Arbeit verbundenen pädagogischen Herausforderungen sich vorstellen möchte, sind diese Lebensläufe daher Pflichtlektüre: „Als mein Bruder umgebracht wurde, bin ich mit zehn Jahren abgehauen von zu Hause. Ich hatte auch Angst, da ich einem jugendlichen Drogenhändler aus der Nachbarschaft Geld schuldete.Der hatte schon einen Jungen vorher deswegen umgebracht. Schnell noch habe ich die Hängematte von meiner Schwester geklaut. In den ersten Nächten habe ich diese immer noch schützend um mich gelegt. Mein ganzer Besitz beschränkte sich auf diese Hängematte, die ich dann auch noch verkaufte, um an Drogen zu gelangen. Wie alle anderen Kinder musste ich seitdem auf einem Stück Pappe oder auf Zeitungspapier auf dem Boden schlafen. Oft haben die Leute uns verscheucht und Steine nach uns geschmissen. Jede Nacht mussten wir wo anders schlafen. Wenn ich Leute auf der Straße ansprach, liefen sie oft aus Angst vor mir weg. Einmal bin ich mit meinen Kollegen über die Mauer von einem Haus mit einem großen Obstgarten geklettert, um Mangos zu klauen. Der Nachtwächter hat auf uns geschossen. Ich lief zurück zur Mauer und hielt meine Arme um den Kopf und flehte Gott an, dass ich es überleben möge. Ich wusste, dass ein Schuss mich am Bein getroffen hatte. Ich sprang über die Mauer, riss mein Hemd in Streifen und verband mein blutendes Bein. Ich hatte keine Träume mehr oder Sehnsucht nach Hause. Ich dachte nur noch an Geld, Essen und Drogen. Als mein Bruder angeschossen wurde, hielt er gerade die kleine Tochter von meiner Schwester in den Armen, die auf den Boden viel. Von einem Motorrad aus haben sie die Schüsse auf ihn abgegeben. Erst mein älterer Bruder hat es geschafft, den Mörder meines Bruders lebensgefährlich zu verletzen. Mein Schwager hat es versucht, aber nicht geschafft und ich war noch zu klein. Bis heute tut es mir leid. Mein Bruder war erst 15 Jahre alt. Meine Eltern leben seit neun Jahren getrennt. Mein Vater kommt uns ab und zu besuchen, wenn mein Stiefvater nicht zu Hause ist. Auch meine Schwester ist immer da, obwohl sie schon seit langem ausgezogen ist. Aber sie hält es nicht aus, wenn ihr Mann Drogen in ihrer Gegenwart nimmt. Es kam vor, dass mein Vater seinen ganzen Verdienst einfach versoffen hat. Ich fragte dann in der Nachbarschaft, ob jemand uns helfen könnte. Die Lebensmittel habe ich dann meiner Mutter gegeben. Wenn mir keiner etwas gab, klaute ich im Supermarkt. Wir packten alles mögliche in den Rucksack und kauften an der Kasse nur billige Kekse. Wenn mein Vater davon erfuhr, schnappte er sich ein Handtuch, tränkte es unter Wasser, knotete es und haute auf mich ein. Mein kleiner Bruder ist an Unterernährung gestorben. Eine Zeit lang verkaufte ich Bonbons in den städtischen Omnibussen und übergab meiner Mutter jeden Abend das Geld. Ich dachte immer, die Freiheit auf der Straße könnte ich niemals aufgeben. Heute weiß ich, dass mir die Straße nichts mehr bedeutet. Ich sehe es ja an den Älteren auf der Straße. Ihnen hat die Straße nur Leid und Ausweglosigkeit gebracht. Wenn jemand schon 15 Jahre ist und noch auf der Straße lebt, hat er keine Zukunft mehr. Er hat kein Bewusstsein mehr, was gut und was schlecht für ihn ist. Ich wünsche mir ein glückliches Leben, von dem ich immer geträumt habe.
a.) Das hiesige Finanzamt hat uns finanziell unter die Arme geholfen, damit wir die oft aus finanziellen Gründen aufgeschobenen, aber schon längst überfälligen Renovierung in den Wohnhäusern durchführen konnten. Die Jugendlichen haben dabei tatkräftig mitgeholfen. Besonders in Mitleidenschaft gezogen, sah die Fassade des Haupthauses im Nazareno-Dorf/Fortaleza aus, in dem derzeit 15 Kinder leben. (Haupthaus vor der Renovierung) Just an dem Tag, als der Farbpinsel in den Ruhestand befördert wurde, hat sich über dem Haus die Farbenpracht eines Regenbogens gespannt. Wunderschönes Bild, nicht wahr?
b.) In beiden Dörfern zusammen leben derzeit 115 Kinder und Jugendliche. 28 Jugendliche, alle die über 16 Jahre alt sind, arbeiten schon oder nehmen an berufsausbildenden Kursen teil.
Im Laufe des nächsten Jahres werden zwölf junge Erwachsene die Dörfer verlassen. Einige werden in kleinen Wohngemeinschaften leben, andere werden sich von dem Geld, was sie verdienen, einfach eine kleine Wohnung mieten. Wie schon andere vor ihnen, beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Sie alle haben unseren uneingeschränkten Respekt verdient. Sie haben etwas geschafft, was heute noch viele Menschen in Brasilien schlicht für unmöglich halten: dem Leben auf der Straße definitiv zu entfliehen. Eines der wichtigsten Prinzipien auf dem unsere ganze Arbeit in den Nazareno-Dörfern besteht nennt sich Hoffnung! Wie sollten wir sonst der Situation entgegentreten, wenn wir Kinder treffen, die auf der Straße leben? Nüchtern betrachtet, spricht sogar alles gegen einen Neuanfang. Die Macht der Drogen, der Gewalt, der Gewohnheiten auf der Straße und die verzweifelten Lebensgeschichten. Ohne Hoffnung geht hier gar nichts! Wie kein anderer zeigt uns das Kind in der Krippe die Macht dieser Hoffnung, die Macht dieser Nächstenliebe!
Ihnen, die sich für das Schicksal der Straßenkinder interessieren und es uns ermöglichen, diese in den Nazareno-Dörfern aufnehmen zu können, von Herzen vielen Dank Ihnen, eine frohe und gesegnete Weihnacht!