
Der 7-jährige Jonas Brendo ist seit August 2007 in der Associação Beneficente O Pequeno Nazareno (= Verein „ Der kleine Nazareno e.V.“) untergebracht. Er wurde dort aufgenommen, da er innerhalb seiner Familie Opfer von Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch geworden war.
Laut Informationen, die aus der Fallstudie des Jugendamtes II hervorgehen, kam das Kind unter Mitwirken einer führenden Gemeindemitarbeiterin in diese Einrichtung. Diese hatte das Kind nach eigenen Angaben mehrmals auf der Strecke Fortaleza-Caucaia (Stadt in der Nähe von Fortaleza) alleine umherirren sehen. Im Rahmen ihrer Aussage weist sie auch auf zahlreiche innerfamiliäre Konflikte, die das Leben des Kindes beeinträchtigen, hin. Aufgrund dessen entschloss das Jugendamt, das Kind vorübergehend von seiner Familie zu trennen und es einstweilig im „Nazarenerdorf“ unterzubringen.
Als Jonas im OPN ankam, fingen wir mit den Hausbesuchen bei seiner Familie an. Hierbei befragten wir die Mutter, den Stiefvater, die Großmutter und den Onkel. Schließlich ist es uns gelungen, die innerfamiliäre Realität, die im Folgenden beschrieben wird, zu rekonstruieren.
Als das Kind erst 1 Jahr alt war hat der leibliche Vater die Mutter verlassen. Über seinen weiteren Verbleib ist bis heute nichts bekannt. Später fing seine Mutter eine neue Beziehung an, aus der ein 4- und ein 1-jähriger Sohn entstanden sind. Der neue Partner der Mutter hatte ebenfalls bereits eine Familie gegründet und brachte einen 14-jährigen Sohn mit in die neue Familie.
Laut Jonas´ Stiefvater war das Zusammenleben mit dem Kind immer von Konflikten gekennzeichnet. Er betont, dass diese Schwierigkeiten auf die mangelnde Disziplin, sowie das rebellische und aggressive Verhalten des Stiefsohnes zurückzuführen seien. Die Mutter jedoch beschuldigt ihren Partner, intolerant gegenüber Jonas zu sein, und ihn ungerecht und herabwürdigend zu behandeln, da dieser nicht sein leiblicher Sohn sei. In der Tat verhielt sich der Junge zu Hause sehr aggressiv. Er zerstörte einige Gegenstände des Stiefvaters, zum Beispiel dessen Auto. Der Stiefvater reagierte hierauf mit harten Strafen und autoritärem Verhalten, wodurch die Beziehung zwischen den beiden sich weiter verschlechterte. Die Mutter ist der Meinung, dass Jonas zum Opfer einer inakzeptablen Situation wurde. Für den Stiefvater jedoch ist Jonas ein Problemkind, das die beschriebene Situation selber provoziert hat und folglich aus der Familie „entfernt“ werden müsse.
In diesem Zusammenhang wandten sich die Mutter und der Stiefvater an Jonas` Großmutter mütterlicherseits und nötigten diese, ihren Enkel auf unbestimmte Zeit bei sich aufzunehmen. Die Großmutter gab an, sie habe sich nur aufgrund der Schwere der Situation darauf eingelassen. Sie hätte jedoch von Anfang an gewusst, dass das nicht gut gehen kann, da sie so gut wie keine Beziehung zu ihrem Enkel hatte. Wie Sie es bereits geahnt hatte war das Kind mit dieser Situation überhaupt nicht glücklich. Jonas war oft traurig und wurde immer widerspenstiger. Trotz seines geringen Alters haute er oft aus dem Haus der Großmutter in Fortaleza ab und machte sich auf den Weg nach Iparana zu seiner Mutter. Als er mal wieder alleine umherirrte traf ihn eine führende Gemeindemitarbeiterin an und übergab ihm dem Jugendamt. Seitdem zielt unsere Arbeit darauf ab, psychologische Betreuung für die Familie sicherzustellen, damit diese die innerfamiliären Konflikte verstehen und verarbeiten kann.