Neuigkeiten vom Kleinen Nazareno August 2010

(Rudson, als er auf der Straße lebte)
(Rudson, bei der Arbeitsstelle)

Der Kleine Nazareno in Brasilien im Aufwind!

• Berufsbildungszentrum in Fortaleza fördertschnellere Wedereingliederung der Kinder inihre Familien.

• Integration der Geschwister in demBerufsbildungszentrum

• Durchführung der größten nationalenMobilisation seit Bestehens des KleinenNazareno.

• Bernardo Rosemeyer wird von Delegiertenaller Bundesländer im Rahmen desKongresses „Criança não é de rua“ zu ihremGeneralsekretär gewählt.

 

„Selbst einige Streetworker hatten mich wohlschon aufgegeben. Ich war nur noch Haut undKnochen und die meiste Zeit nicht ansprechbar,aufgrund meines ständigen Begleiters: diePlastikflasche voll mit Schusterleim. Selbstbeim Essen hielt ich meinen Begleiter mit derlinken Hand fest umzingelt, um gleichzeitigmit meiner freien Hand, die Bohnen zu essen,den Reis, alles eben, was die Leute mir in dievom Müll geholte Tüte, schütteten. Selbst anden Aktivitäten, die von den Streetworkernauf der Straße organisiert wurden, habe ichkaum teilgenommen. Mir fehlte der Lebensmut.Das müssen auch die anderen wohl gemerkthaben. Mir war auch völlig klar, was passiert,wenn ich auf der Straße bleibe: Gefängnis oderFriedhof!Damals war ich 11 Jahre alt und seit 9 Monatenvon zu Hause abgehauen. Vom Kleinen Nazarenohörte ich das erste Mal, als mir jemand Fotosvom Nazareno-Dorf zeigte. Erst verstand ichüberhaupt nichts. Erst als mir klar wurde, dass indiesem Dorf Kinder aufgenommen werden, dieso wie ich, überhaupt gar nichts im Leben mehrhaben, versuchte ich meinen ständigen Begleiterab und zu in die Ecke zu stellen, um auf dennächsten Besuch der Streetworker vom KleinenNazareno zu warten.Das alles ist jetzt schon über 3 Jahre her. Seitdemhat sich alles in meinem Leben verändert. ImDorf angekommen, ging ich das erste Mal zurSchule. Mit 14 Jahren konnte ich schon an dieberufsausbildenden Kurse teilnehmen. Es waren3 Bewerbunsgespräche notwendig, bis icheine Lehrstelle zugesagt bekam. Ich lebe jetztbei meiner Tante, die in der Nähe von meinerArbeitsstelle wohnt. Am Wochenende bleibe ichbei meiner Mutter. Ich platze vor Stolz, wenn ichihr von meinem Lohn etwas gebe und ihr damitunter die Arme greifen kann.Meine Schwester, die noch bei meiner Mutterlebt, wird im nächsten Jahr 14 Jahre alt. Dannbekommt sie vielleicht auch die Möglichkeitangeboten, durch den Kleinen Nazareno eineLehrstelle vemittelt zu bekommen. Eines bin ichmir sicher: Meinen früheren Begleiter brauchich nicht mehr. Ich habe jetzt richtige Freundegefunden!“

Inhaltsverzeichnis

1. Neuigkeiten vom Berufsbildungszentrum

2. Neuigkeiten von der Nationalen Kampagne

3. Kongress über Straßenkinder 4. Kurzinfos

1. Neuigkeiten vom Berufsbildungszentrum

(Neu: Berufsausbildung auch für die Geschwister)
Berufsausbildungszentrum: theoretischer Unterricht und Informatikkurs)

In den letzten Jahren hat sich der Kleine Nazareno sowohl in Fortaleza, wie auch in Recife immer wieder erneuert. Wir können heute auf einen Erfahrungsschatz von fast 20 Jahren schauen. An den Ergebnissen ist es uns mittlerweile möglich, genau festzustellen, was zu einer guten Entwicklung der Kinder und Jugendlichen beiträgt und was eher hinderlich wirkt. Als wir die Nazareno-Dörfer gründeten, sind wir von dem Gedanken ausgegangen, dass die Jugendlichen möglichst lange im Dorf bleiben, dort wo sie geschützt sind und möglichst weit weg von den Gefahren der Straße und der Elendsviertel. Doch vor einigen Jahren haben wir gemerkt, dass wir die uns lieb gewordene Arbeitsweise ändern müssen, damit wir selbstbewusste und unabhängige junge Menschen begleiten, die sich den Herausforderungen in der Gesellschaft und in ihrer Familie stellen. Natürlich ist die erste Zeit im Nazareno-Dorf von unendlicher Bedeutung und es ist eine Freude mit anzusehen, wie sich die Kinder anstrengen, den Drogen und der ungebremsten Freiheit mit aller Entschlossenheit zu entsagen. Hut ab! Doch nach einigen Jahren lauert eine Gefahr, die sich sehr schleichend in das Bewusstsein drängt. Die Gefahr der Trägheit, Faulheit und der Suche nach der geringst möglichen Anstrengung! Schon seit einigen Jahren stemmen wir uns dieser Gefahr entgegen. Dabei sind aber dem Dorf Grenzen gesetzt, da die Jugendlichen davon ausgehen können, dass sie voll umsorgt sind. Selbst wenn sie nichts tun, ihnen wird es hier an nichts fehlen! Die beste Medizin dagegen nennt sich: Arbeit. Ab dem 14. Geburtstag beginnt der Jugendliche deshalb an berufsausbildenden Kursen teilzunehmen. In Brasilien gibt es, Gott sei Dank, ein Gesetz, dass die Betriebe dazu verdonnert, eine bestimmte Anzahl von Lehrlingsplätzen anzubieten. Und das ist genau der Punkt, an dem wir ansetzen. Aufgrund des Bekanntheitsgrades des Kleinen Nazareno ist es für uns recht einfach, unseren Jugendlichen die erste Lehrstelle zu vermitteln. Das ist heute der große Unterschied! Auch die Familienbetreuung ist heute auf einem ganz anderen Niveau. Eines der entscheidenden Unterschiede ist, dass wir heute auch den Brüdern und Schwestern der von uns aufgenommenen Kinder, in unserem Berufszentrum zu einer Lehrstelle verhelfen. In verschiedensten Familien haben durch unsere Hilfe gleich zwei Jugendliche eine Lehrstelle gefunden, wobei wir bei der Berufsausbildung, neben den von uns aufgenommenen Jungs, den Mädchen den Vorrang geben. Es ist die neu gewonnene Selbstständigkeit, das Erlernen mit der Freiheit verantwortungsvoll umzugehen. Auch die schmerzlichen Erfahrungen, dass ein Übermaß an Trägheit selbst einschneidende finanzielle Konsequenzen hat, das uns in den letzten Jahren recht gegeben hat, dass all die von uns eingeleiteten Veränderungen notwendig waren und eine völlig neue Dynamik und Professionalität eingeläutet hat. Heute nehmen 50 Jugendliche an diesen Kursen teil, und falls wir die finanzielle Möglichkeit hätten, wäre es uns möglich weitere 50 Jugendliche in das Zentrum aufzunehmen.

2. Neuigkeiten von der Nationalen Kampagne


(1300 Menschen haben in Fortaleza an dem Protestakt teilgenommen.)

Das Gesicht ist nicht zu erkennen. Der leicht vorgebeugte Kopf ist tief unter einer typischen brasilianischen, weiß-schwarzen Kappe vergraben. Das Kind lässt, wenn auch nur für einen Augenblick, den Kopf auf seine in sich verschobenen Hände sinken. Die ihm gegönnte kurze Ruhepause ist ihm erst durch ein, seiner Körpergröße entsprechendes, weißes Holzkreuz möglich, das sich ihm stützend entgegenstemmt. Irgendetwas an dem ganzen Geschehen wird den Fotografen angesprochen haben, so dass er gerade dieses Foto an seine Zeitungsredaktion in Curitiba (Hauptstadt des Bundeslandes Paraná) zur Veröffentlichung weitergegeben hat, um über die in diesem Jahr in der Karwoche stattgefundene Aktion der Nationalen Kampagne zu berichten. So wie dieses uns unbekannte Kind, sind am 30. März tausende Menschen in insgesamt 14 Bundesländern Brasiliens (genau die Hälfte aller Bundesländer) auf die Straße gegangen, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf das tagtägliche Leid der Kinder und Jugendliche zu richten, die in Brasilien auf der Straße leben. Trotz allen sozialen Errungenschaften Brasiliens, gibt es bis zu dem jetzigen Zeitpunkt noch kein spezielles soziales Hilfsprogramm, das denjenigen Familien zugutekommt, dessen Söhne oder Töchter auf der Straße leben. Die diesjährige Aktion stand daher ganz unter dem Zeichen der Notwendigkeit konkreter Familienhilfe seitens der brasilianischen Regierung, damit die Grundvoraussetzungen geschaffen werden, dass Kinder und Jugendliche wieder zurück zu ihrer eignen Familie können. In allen brasilianischen Städten mit über 300.000 Einwohner hat eine Zählung der sog. Straßenkinder begonnen. Das Ergebnis wird uns im September zur Verfügung stehen. Der zweite und entscheidende Schritt besteht dann in der Formulierung und Umsetzung einer speziell auf die „Straßenkinder“ und deren Familien zugeschnittene Sozialpolitik.

3. Kongress über Straßenkinder

(Vortrag des Gründers der Nationalen Kampagne )
(Delegierte aus allen Bundesländern Brasiliens bei der Eröffnungsveranstaltung)

Wir hatten die Durchführung des 1. Nationalen Kongresses für Straßenkinder in Brasilien (Criança não é de rua) aus finanziellen Gründen in diesem Jahr schon aufgegeben. Doch nach schleppenden Verhandlungen mit dem Bundesland Ceará hat die Landeskommune sich schließlich doch verpflichtet, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Dann ging alles sehr schnell. Auch die Brasilianische Bischofskonferenz, vertreten durch die Caritas, das hiesige Jugendamt und eine staatliche Landesbank, übernahmen alle bis dahin noch nicht gedeckten Kosten. Für die ganze Vorbereitung blieben uns weniger als 3 Monate. Vom 10. bis zum 12. August versammelten sich 120 Delegierte aus allen 27 Bundesländern in Fortaleza, um national geltende Richtlinien auszuarbeiten, die in die gesamte Kinder und Jugendagenda Brasiliens eingeflechtet werden sollten, da gerade die Problematik der Straßenkinder inmitten aller anderen sozialen Brennpunkte normalerweise nicht berücksichtigt wird. Insgesamt haben sich mittlerweile 521 Organisationen der Nationalen Kampagne angeschlossen, die Ende 2005 von Bernd Rosemeyer im brasilianischen Senat gegründet worden ist. Während des Kongresses wurde eine Kommission aus 2 Repräsentanten aller 5 Regionen Brasiliens gewählt und Bernd Rosemeyer als Generalsekretär der Nationalen Kampagne bestätigt. Mehr Infos unter www.nazareno.de, wo wir einige der verabschiedeten Dokumenten ins Deutsche übersetzten werden.

4. Kurzinfos


(José Cabral in der Innenstadt von Recife)

Seit 7 Jahren, jeden Samstagmorgen, übernimmt der Kleine Nazareno bei dem katholischen Radiosender Dom Bosco, die Gestaltung der Sendung. Es kommen die von uns aufgenommen Kinder, sowie auch Politiker und andere Vertreter der Gesellschaft zu Wort. Oft fühlen sich die Menschen durch das Programm angesprochen und bieten uns ihre Hilfe an. So ist auch ein Friseurladen auf uns aufmerksam geworden. Unentgeldlich kommen sie uns jetzt einmal in der Woche besuchen. In Recife hat der Kleine Nazareno Verstärkung für seine Arbeit auf der Straße bekommen. Um die Begegnungen mit den Kindern kreativ zu gestalten, wurde ein weiterer Streetworker eingestellt, der ganz gezielt durch Musik und Sport das Vertrauen der Kinder gewinnt. Die verschiedenen, von ihm mitgenommenen Musikinstrumente, laden zum Mitsingen von brasilianischer Volksmusik ein. Bei Sambaklängen, Forró und Frevo ist es einfach mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und sie zu ermutigen, der Straße den Rücken zu kehren. Liebe Grüße, Paz e bem, Bernardo


 

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