Weihnachtsnachrichten 2025
Liebe Freundinnen und Freunde des Kleinen Nazareno,
wenn ich in diesen Tagen durch meine Heimatstadt Löningen gehe, die Lichter in den Fenstern sehe, wird mir immer wieder bewusst, wie gut unser Leben hier ist. Weihnachten ist für viele von uns eine Zeit der Geborgenheit, der Familie, der vertrauten Rituale. Und doch gehört zur Ehrlichkeit auch: In Brasilien, dort, wo mein Bruder Bernardo und sein Team jeden Tag arbeiten, ist diese geborgene Atmosphäre für viele Kinder und Familien in weite Ferne gerückt.
Die Berichte, die Bernardo aus Fortaleza, Maranguape und Recife schreibt, sind schwer auszuhalten. Die Gewaltspirale, die Besetzung ganzer Stadtviertel durch Drogenkartelle, die vielen Toten – all das steht in einem krassen Gegensatz zu dem Gedanken, der uns mit Weihnachten verbinder. Und trotzdem spürt man beim Lesen nicht nur Entsetzen, sondern auch etwas anderes: eine unglaubliche Beharrlichkeit und eine unbeirrbare Hoffnung.
Zwischen all den bedrückenden Nachrichten stehen Gesichter und Namen: Carolina, die sich aus extremer Armut herauskämpft und kurz vor dem Abitur steht. Natália, die trotz ihrer eigenen Verletzungen und Abhängigkeit darum ringt, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Pedro und Renato, deren Lebenswege von Drogen und Gewalt überschattet sind – und die doch erleben, dass jemand an ihrer Seite bleibt. Joana, die hochschwanger in einer beinahe ausweglosen Situation steckt – und doch nicht allein gelassen wird.
Diese Geschichten stehen für das, was Der Kleine Nazareno seit über 30 Jahren versucht: mitten in Armut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit konkrete Hilfe zu ermöglichen. Einen sicheren Ort für Kinder. Eine Ausbildungsmöglichkeit für Jugendliche. Ein offenes Ohr für Mütter, die sonst niemanden haben. Ein Stück Würde für Menschen, die von der Gesellschaft oft übersehen werden.
All das wäre ohne Sie, ohne euch, schlicht nicht möglich. Jede Spende, jede Mitgliedschaft, jede Fürbitte, jedes engagierte Gespräch über unsere Arbeit macht einen Unterschied – oft viel größeren, als wir von hier aus erahnen können. Wenn in einem Armenviertel ein Jugendlicher seinen ersten Ausbildungslohn in den Händen hält oder ein Kind zum ersten Mal ein stabiles Zuhause erlebt, dann hat das unmittelbar etwas mit unserer gemeinsamen Unterstützung zu tun.
Darum möchte ich Ihnen und euch von Herzen danken: dass ihr diese Hoffnung teilt, dass ihr uns vertraut, dass ihr Jahr für Jahr an der Seite der Kinder und Familien in Brasilien bleibt.
Ich wünsche Ihnen und euch ein gesegnetes Weihnachtsfest, Momente der Stille und Dankbarkeit. Von Herzen danke ich Ihnen für alle Unterstützung.
Frohe und gesegnete Weihnachten!
Ihr Werner Rosemeyer
Gründer des Vereins „Der Kleine Nazareno“ in Deutschland
Stellungnahme von Bernardo über die aktuelle Gewaltspirale in Fortaleza, Maranguape und Rio de Janeiro:
Ich reise einmal im Jahr für einige Wochen nach Deutschland, um meine Geschwister zu besuchen und über die Arbeit des Kleinen Nazareno zu berichten. In diesem September jedoch überkam mich am Tag meiner Rückreise ein ungutes Gefühl. Nicht, weil ich Zweifel gehabt hätte, nach Brasilien zurückzukehren – Brasilien ist seit 40 Jahren mein Zuhause. Es waren die vielen Eindrücke und die beunruhigenden Nachrichten meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mich vor und während der Reise erreichten.
Besonders machten mir die bewaffneten Auseinandersetzungen rund um das Hafenviertel zu schaffen, wo der Kleine Nazareno seinen zweiten Standort hat und von wo aus wir Hunderten von Kindern und Jugendlichen in den Armensiedlungen helfen. Genau dort, in diesem Viertel mit etwa 40.000 Einwohnern, war ein blutiger Konflikt zwischen zwei rivalisierenden Drogenkartellen ausgebrochen, die beide Anspruch auf das Territorium erhoben – mit weit über einem Dutzend Toten pro Monat. Heute ist die territoriale Besetzung von sich gegenseitig bekämpfenden Drogenkartellen das Kernproblem in den Orten, in denen der Kleine Nazareno tätig ist. Besonders eingeprägt hat sich mir einer der letzten Besuche vor meiner Reise:
Als ich im Büro ankam, saßen einige Mitarbeiterinnen in der Küche, und die Angst stand ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Sie erzählten mir, ein junger Mann sei durch die Straßen gegangen und habe verkündet, dass sich heute niemand draußen blicken lassen sollte. Solche Warnungen werden immer sehr ernst genommen. Nur eine Woche zuvor waren vier Menschen, darunter zwei Kinder, nur 300 Meter vom Büro des Kleinen Nazareno entfernt, im Kugelhagel getötet worden. Nicht ohne mich sorgfältig umzusehen, setzte ich Flaviana, Rayana und zwei weitere Mitarbeiterinnen ins Auto und fuhr los. Wir verbrachten diesen Tag etwas weiter entfernt, in einem der Armenviertel in der Nähe, wo wir eine hochschwangere Frau und ihre Familie kennenlernten, über die ich am Ende der Nachrichten berichten möchte.
Eher durch Zufall erfuhr ich später, dass zu jener Zeit meine Mitarbeiterinnen eine bizarre Vereinbarung getroffen hatten: Wenn in der Gemeinde geschossen wird und dabei ein Einwohner ums Leben kommt, bleibt das Büro zwei Tage geschlossen (danach wurde es auf nur einen Tag reduziert, weil es sonst zu oft stillgestanden hätte). Auch die Schulen blieben immer wieder geschlossen. Es brauchte dazu keine offizielle Mitteilung, denn weder Lehrer noch Schüler sahen sich in der Lage, ihrem normalen Schulalltag nachzugehen. Ich muss sagen: Gott sei Dank hat sich die Lage wenigstens im Hafenviertel inzwischen merklich beruhigt. In den schlimmsten vier Monaten war es kaum auszuhalten. Das Blutvergießen fand nur ein Ende, weil ein bestimmtes Drogenkartell, das sein Hauptquartier in Rio de Janeiro hat, die Oberhand gewann. Nun ist wieder etwas Ruhe eingekehrt, wenn auch eine trügerische Ruhe, die mit einem friedlichen, rechtsstaatlichen Zusammenleben nichts zu tun hat. Es gab lediglich eine Machtverschiebung zugunsten eines Kartells, das jetzt die Macht und die Kontrolle über eine Bevölkerung von 40.000 Menschen ausübt. Den Einwohnern dieses Stadtviertels ist es seitdem nicht mehr erlaubt, sich in anderen Stadtvierteln aufzuhalten, die nicht von derselben kriminellen Organisation kontrolliert werden. Der nächste Schritt besteht darin, dass sie neben dem Verkauf von Drogen Unternehmen gründen, Tankstellen, Restaurants oder Apotheken eröffnen – alles im Dienst der Geldwäsche, um illegales Vermögen in den normalen Wirtschaftskreislauf einzuschleusen. Ihre innere Struktur basiert auf dem Prinzip gebündelter Macht in den Händen weniger, die gemeinsam mit ihren Handlangern und Schergen Territorien beherrschen. In diesen Stadtvierteln, Favelas oder Armensiedlungen bestimmen sie unangefochten über Leben und Tod. Die territoriale Besetzung hat die Bandenkriminalität völlig an den Rand gedrängt.
Leider stehen wir noch immer in Maranguape besonders unter Beschuss. Genau in der Stadt, wo ich seit 30 Jahren im Nazareno-Dorf lebe und wo wir unser Sportzentrum errichtet haben, wo jede Woche aktuell 200 Athletinnen und Athleten verschiedene Sportarten trainieren. In Maranguape bekämpfen sich sehr brutal die zwei mächtigsten, beide aus Rio de Janeiro stammenden Kartelle, wobei es sich bisher nicht abzeichnet, wer die Oberhand gewinnen wird. Deshalb war Maranguape im vergangenen Jahr die gewalttätigste Stadt Brasiliens mit über 100.000 Einwohnern. Es waren 80 Morde pro 100.000 Einwohner (in Zahlen ausgedrückt hieße das: Wäre meine Heimatstadt Löningen mit ihren rund 13.000 Einwohnern vergleichbar betroffen, wären dort im letzten Jahr acht Menschen erschossen worden).
In der letzten Woche lag der Bruder eines früheren Mitarbeiters tot auf dem Bürgersteig direkt an der Hauptstraße, als ich gerade mit dem Auto daran vorbeifuhr. Am heutigen Tag, dem 20. November, an dem ich diese Zeilen gerade schreibe, sind vier junge Leute in Maranguape erschossen worden. Die Anzahl der Todesopfer seit Anfang dieses Jahres liegt jetzt schon weit über 100 Menschen, weshalb wir wohl leider den traurigen Rekord halten werden.
Nach diesen Zeilen denke ich, dass jeder von euch mein mulmiges Gefühl in der Magengegend nachvollziehen kann, als ich die Koffer packte und mich wieder auf den Weg nach Brasilien machte. Es stellt alles in den Schatten, was ich persönlich in diesen Jahrzehnten erlebt habe.
Diese Realität trifft nicht alle gleichermaßen und spielt sich meist fernab der Augen und der Aufmerksamkeit der gehobenen Mittelschicht und der finanziell Bessergestellten ab, die keinerlei Kontakte zu den Armensiedlungen und Favelas pflegen. Auch für die zahlreichen Besucher aus dem In- und Ausland ist diese Situation verständlicherweise nicht vorstellbar, denn sie halten sich meist am Strand beziehungsweise in besser strukturierten Vierteln auf. Aber keiner kann die Augen vor dieser Realität verschließen, wenn 2.500 Polizisten und etwa 400 Mitglieder des in Rio de Janeiro größten ansässigen Drogenkartells, wie am 28. Oktober dieses Jahres, aufeinandertreffen. Am Ende des stundenlangen Ratterns der Maschinengewehre hatten 121 Menschen ihr Leben verloren, unter ihnen vier Polizisten. Der Platz São Lucas wird wohl für immer mit dieser Tragödie in Verbindung gebracht werden, da die Bevölkerung dort 57 Leichen nacheinander auf dem Boden legte, die noch in der Nacht in einem höher gelegenen Waldgebiet geborgen werden konnten. Dort hatten sich viele Mitglieder des Drogenkartells verschanzt, bis die Polizei kam. Besonders Rio de Janeiro, das Bundesland Ceará und Bahia sind aktuell die Epizentren der territorialisierten Machtübernahme der armen Stadtviertel durch Drogenkartelle in Brasilien.
Auch wenn ich das Thema Gewalt am liebsten – und für jeden nachvollziehbar – völlig ausblenden und ignorieren möchte, ist es eine Frage des Respekts und der Redlichkeit gegenüber allen Menschen vor Ort, auch meinen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern, meiner Familie und mir selbst gegenüber, euch gerade in diesem turbulenten Jahr eine ehrliche Schilderung der Lage zu übermitteln. Ihr, die ihr uns seit so vielen Jahren beisteht, habt ein Recht auf eine ehrliche Situationsbeschreibung.
Wir dürfen uns hier in Fortaleza und Maranguape selbst nicht demonstrativ mit unseren Positionen aus dem Fenster lehnen, nach dem Motto: morgens in den Armensiedlungen arbeiten und nachmittags in öffentlich zugänglichen Seminaren die Macht der Drogenkartelle kritisieren. Das wäre lebensgefährlich.
Bisher wurden wir in Ruhe gelassen und können unserer Arbeit nachgehen, auch wenn unsere Präsenz genau registriert wird und auch schon mal Fotos von uns gemacht und weitergegeben werden. Dabei kommt uns zugute, dass wir seit Jahrzehnten auf den Straßen und in den Armenvierteln von Fortaleza unterwegs sind und der Kleine Nazareno deshalb relativ gut bekannt ist.
Entscheidend ist für mich, dass wir selbst unter diesen Umständen möglichst vielen Menschen Wege aufzeigen, die es ihnen ermöglichen, der Abwärtsspirale aus Hoffnungslosigkeit, Armut und Gewalt zu entkommen, anstatt sich selbst aufzugeben und denjenigen anzuschließen, die ihre Not und die Not ihrer Familien mit verursachen.
Der Kleine Nazareno hat gerade in den vergangenen Jahren konkrete Hilfsprogramme entwickelt, die es uns ermöglichen, selbst in schwierigen und gefährlichen Stadtvierteln, Armensiedlungen oder auf der Straße Kindern und Jugendlichen in Not wirksam beizustehen.
Konkrete Hilfe am Beispiel von Carolina und ihrer Familie
Unsere Arbeit in den Armensiedlungen orientiert sich am Prinzip der gemeindebasierten Intervention: Die Bewohnerinnen und Bewohner werden aktiv in die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen eingebunden. Die Hilfsmaßnahmen, die wir anbieten können, werden gemeinsam besprochen, geplant und umgesetzt.

Beato São Lourenço (oben im Bild) ist ein kleines Armenviertel mit etwa 250 Einwohnern. Aufgrund der aktuellen Gefahrensituation nahmen wir zunächst Kontakt zu den lokalen Ansprechpartnern auf. Wir wurden herzlich empfangen und blieben sogar zum Mittagessen – nicht zuletzt, weil wir die Familien, die noch auf unseren Besuch warteten, nicht enttäuschen wollten. Einige von ihnen waren an diesem Tag nicht einmal zur Arbeit gegangen. Seit der Gründung der Siedlung vor drei Jahren hatte sie noch niemand besucht, obwohl die Lebensbedingungen vielerorts katastrophal sind. Die Menschen, mit denen wir redeten, fühlen sich völlig überfordert und alleingelassen.
Es war Marina, die Mutter der 18-jährigen Carolina, die uns beim ersten Besuch ihre Situation eindrücklich schilderte: „Ohne sanitäre Einrichtungen und mit einem halben Meter stinkendem Wasser in meiner Hütte während der Regenzeit bin ich an meine persönliche Grenze gekommen. Ich lag zusammengekauert mit meinen Kindern auf dem Bett. Mein Mann leerte irgendwo in einem Kabuff seine Flasche Zuckerrohrschnaps. Aus Verzweiflung habe ich die Hütte verlassen und mit meinen Kindern unter den Arkaden der Geschäfte Schutz gesucht. Auch meine Mutter lebt hier unter diesen Umständen.“

Nach diesen Erzählungen und den Hausbesuchen organisierten wir eine Versammlung in der Gemeinde (Bild oben). Wir wollten den Müttern und Vätern die Gelegenheit geben, ihre Anliegen offen vorzutragen. Ein zentrales Thema war die Bitte, dass die staatlichen Institutionen – insbesondere das Jugend- und Sozialamt – endlich vor Ort präsent sein sollten, um dringende Anliegen zu beschleunigen: etwa die Ausstellung persönlicher Dokumente für Kinder und Erwachsene.
Noch immer gibt es leider Kinder ohne Geburtsurkunde und damit ohne Zugang zur Schule. Auch manche Erwachsene können keiner geregelten Arbeit nachgehen, weil ihnen ein Dokument fehlt, das für die Ausstellung der digitalen Arbeitserlaubnis notwendig ist. Ohne diese Registrierung bleibt der Zugang zu Arbeitsverträgen, Sozialleistungen und Stellenangeboten versperrt.
Alle hörten auch aufmerksam zu, als wir von den Möglichkeiten erzählten, jungen Menschen zwischen 14 und 22 Jahren Ausbildungsplätze oder bezahlte Praktika zu vermitteln. Zum Abschluss berichteten wir auch über unsere Selbsthilfegruppen – für Mütter unter 18 Jahren, für Frauen, die Gewalt erfahren hatten.
Wir mussten etwas Geduld aufbringen, um Vertreter der staatlichen Ämter dazu zu bewegen, trotz der allgegenwärtigen Gefahrlage die Familien in der Armensiedlung aufzusuchen. Die Vorarbeit hatten wir bereits geleistet: Wir hatten die Namen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen notiert, die Unterstützung durch die Stadt benötigten. Eine der Sozialarbeiterinnen zog am Ende eines langen Besuchstages ein bemerkenswertes Fazit: „Heute wurde ich an die Motive erinnert, weshalb ich überhaupt Sozialwissenschaften studieren wollte.“

(Marina, ganz rechts im Bild mit ihrer Enkeltochter Ayla)
Natürlich hatte niemand ein Allheilmittel parat, aber für viele Familien in der Armensiedlung gab es seitdem spürbare Veränderungen.
Carolina selbst ist schon in sehr jungen Jahren mit extremer Armut konfrontiert worden. Sie berichtete uns, dass ihre Familie die Miete nicht mehr zahlen konnte und gezwungen war, eine improvisierte Hütte aus Materialien zu bauen, die sie im Müll gefunden hatten. Alles war prekär und nach nur einer Woche vertrieben Beamte des Ordnungsdienstes und die Polizei ihre ganze Familie. Daraufhin haben sie sich der Armensiedlung Beato São Lourenço angeschlossen.
Der Kleine Nazareno konnte Carolina vor ein paar Monaten ein bezahltes Praktikum an einer Schule vermitteln. Ende dieses Jahres wird sie ihr Abitur machen und hat sich bereits für die Aufnahmeprüfung an der öffentlichen Universität angemeldet. Sie ist die Mutter der einjährigen Ayla. Als sie ihren ersten Lohn erhielt, machte sie sich gemeinsam mit ihrem Partner, der auch eine Halbtagsstelle hat, auf Wohnungssuche. Heute lebt sie nicht mehr in der Armensiedlung. Ihre Mutter versicherte mir, dass Carolina sich sehr anstrengen wird. Sie ist stolz auf ihre Tochter und unterstützt sie tagsüber bei der Betreuung der kleinen Ayla. Noch sind sie nicht am Ziel, aber sie sind aus dem Holz geschnitzt, um aus Träumen Wirklichkeit werden zu lassen. Seit einiger Zeit nimmt Carolina auch an der Selbsthilfegruppe für junge Mütter beim Kleinen Nazareno teil. Da sie immer sehr beschäftigt ist, fragte sie, ob sie zu den Treffen auch ihre Mutter und Großmutter mitbringen dürfe.
Vier Generationen derselben Familie – für ein paar Stunden weit weg von Armut und Gewalt. Einfach toll!

(In der Mitte: die kleine Ayla, auf dem Schoß ihrer Mutter. Hinter Carolina ihre Mutter und ihre Oma.)
Nachrichten vom Nazareno-Dorf/Recife
Wir hatten keine Schwierigkeiten, die Hütte von Natália, der Mutter von Antônio, Vicente und Danilo, die seit einiger Zeit in unserem Nazareno-Dorf in Recife leben, zu finden. Man hatte uns gesagt, die Außenwand sei mit einer gemalten Taube und einem in Handschrift verfassten Psalm versehen.

(von links nach rechts: Antônio, Vicente und Danilo bei der Ankunft im Nazareno-Dorf/Recife)
Obwohl sie sich zu Beginn des Gesprächs ausdrücklich für unsere Hilfe bedankte, wirkte sie etwas beschämt, als ob sie uns eine Erklärung schuldig wäre, weshalb sie sich nicht selbst um ihre Kinder kümmerte. Natália erzählte, dass ihre Mutter sie bereits im Alter von einem Jahr der Großmutter übergab – seitdem habe sie keinen Kontakt mehr zu ihr, die heute in Rio de Janeiro lebt. Bei der Großmutter wohnte auch ihr Onkel, der sie regelmäßig und brutal schlug, bis sie mit 17 Jahren fliehen konnte. Danach lernte sie den späteren Vater ihrer Kinder kennen. Sie hätte ihn, wie sie sagt, früher verlassen sollen, doch sie wusste nicht, wie sie es anstellen könnte, ihre Kinder allein zu versorgen. An diesem Punkt ihrer Erzählung zeigte sie uns die lange Narbe an ihrem rechten Unterarm. Unter Tränen berichtete sie, dass ihr Ehemann sie eines Tages mit einem Stock auf den Kopf schlagen wollte. Sie habe instinktiv den Arm vor das Gesicht gehoben, um den Schlag abzuwehren, und dabei eine Mehrfragmentfraktur erlitten, die bis heute ihre Beweglichkeit einschränkt. Ihr Leben sei danach völlig aus dem Ruder gelaufen, sagte sie. In jener Zeit begann sie, harte Drogen zu konsumieren. Als sie ihren Ehemann schließlich verließ, war sie bereits stark abhängig. Die Wohnung, in der sie lebte, wurde ihr von Drogenhändlern genommen, denen sie Geld schuldete. Sie fasste ihre Geschichte in einem Satz zusammen: „Ich hatte jegliche Kontrolle über mein Leben verloren – und so landete ich hier, in dieser Bruchbude.“

(„Außenwand“ der Hütte, mit der Taube und dem Psalm 116:12)
Antônio, Vicente und Danilo lebten abwechselnd beim Vater, in staatlichen Heimen, bei der Mutter – und zeitweise auf der Straße –, bis sie schließlich vom Kleinen Nazareno aufgenommen wurden.
Um das Leben der Kinder nicht zu gefährden, war dies das einzig Richtige, was wir in dieser festgefahrenen Situation für die Familie tun konnten. Natália freut sich, dass ihre Kinder wohlauf sind, doch ihr Ziel ist es, dass Vicente und Danilo mittelfristig wieder bei ihr leben können, denn ihr jüngster Sohn, Antônio, wird auch in Zukunft nicht mehr bei ihr wohnen. Vor einigen Monaten wurde er rechtskräftig von einer Familie adoptiert.

Im kommenden Jahr wird sie in eine neue, bessere Wohnung ziehen. Ihr wurde von der Stadt eine Sozialwohnung zugesprochen. Aufgrund eines Sanierungsprojekts erhalten alle Anwohner des Abschnitts am Fluss Beberibe – zwischen Recife und Olinda, genau dort, wo Natália lebt – anstelle einer finanziellen Entschädigung eine neue Wohnung.
Ihre Geschichte machte mich traurig und wütend zugleich aufgrund all der schlimmen Verbrechen, denen sie zum Opfer gefallen war. Bei mir blieb der Eindruck, dass Natália es aufgrund falscher Entscheidungen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr schaffte, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Sie verzweifelte angesichts all dessen, was das Leben ihr auferlegt hatte. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass sie versucht, sich wieder zu fangen, um im Leben neu und besser zurechtzufinden.
Neuer Rekord: 500 Jugendliche im Arbeitsvermittlungszentrum des Kleinen Nazareno
Mir ist bis heute ein Rätsel, wie Familien es über Jahre hinweg in den Armensiedlungen aushalten können, ohne vollständig zu verzweifeln oder aufzugeben. In einer derart existenziellen und familiären Notlage ist jedes Wort und jede Geste, jede Umarmung und konkrete Hilfestellung von unschätzbarem Wert.

(Armensiedlungen „Vista para o Mar“)
Aus diesem Grund ist unser Berufsförderungszentrum – mit seiner Vermittlung von Lehrstellen, Arbeitsplätzen und bezahlten Praktika – von zentraler Bedeutung. Es zählt zu unseren wirkungsvollsten Instrumenten zur Bekämpfung der Kinder- und Jugendarmut. Eine geregelte Arbeit verändert nicht nur die Zukunftsperspektiven der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sondern hat oft auch positive Auswirkungen auf das gesamte familiäre Umfeld.
Wir übernehmen dabei eine vermittelnde Rolle zwischen Unternehmen auf der einen Seite und den Jugendlichen aus den Armensiedlungen auf der anderen. Im Gegenzug verpflichten sich die Jugendlichen, regelmäßig die Schule zu besuchen und einmal pro Woche an einem begleitenden Unterricht teilzunehmen. Dieser Unterricht muss von der Institution angeboten werden, die sie in die Betriebe vermittelt – in unserem Fall also vom Kleinen Nazareno.
Bei der Vermittlung einer Arbeitsstelle geht es nicht allein um den monatlichen Lohn. Ebenso bedeutsam ist die Möglichkeit, dieses quälende Gefühl des gesellschaftlichen Ausschlusses zumindest zeitweise hinter sich zu lassen. Für einige Stunden werden sie gesehen, gehört und ausschließlich an ihrer Leistung gemessen, selbst wenn sie abends wieder in ihre einfachen Behausungen zurückkehren.
Ein Meilenstein für die Verbesserung unseres Angebots ist die Kooperation mit dem Staatsministerium für Bildung und Kultur. Im Rahmen einer feierlichen Vertragsunterzeichnung wurde dem Kleinen Nazareno als derzeit einzige Institution im Bundesland Ceará die Möglichkeit zugesprochen, ohne Auswahlverfahren junge Menschen für zweijährige bezahlte Praktika an öffentliche Einrichtungen, etwa Schulen und Bildungszentren, in Fortaleza und den umliegenden Gemeinden zu vermitteln. Diese Zertifizierung war ein großer Erfolg, gerade weil viele Jugendliche aus den Armensiedlungen erhebliche schulische Defizite aufweisen und deshalb häufiger bei einigen Auswahlverfahren scheitern – auch wenn es durchaus junge Menschen gibt, die sich trotz aller widrigen Umstände schulisch hervortun.

(Vertragsunterzeichnung des Kleinen Nazareno im Stadtrat von Fortaleza)
Da wir nun zusätzlich zur Kooperation mit dem Staatsministerium auch weiterhin freie Stellen bei langjährigen Partnerbetrieben besetzen, haben wir zum ersten Mal in der Geschichte des Kleinen Nazareno/Fortaleza die Marke von sage und schreibe 500 Jugendlichen in unserem Zentrum erreicht. Durch all diese Entwicklungen können wir jährlich rund 250 neue Arbeitsplätze vermitteln. Dies stellte uns vorübergehend vor eine beträchtliche logistische Herausforderung. Um möglichst viele dieser Stellen an Jugendliche aus den ärmsten Verhältnissen zu vermitteln, haben wir uns dazu entschlossen, lokale Ansprechpersonen in den größeren Armensiedlungen informell unter Vertrag zu nehmen. Dabei handelt es sich um junge Frauen oder Männer, denen wir selbst bereits eine Stelle vermittelt haben. Neben der Schule und ihrer regulären Tätigkeit sprechen sie weitere Jugendliche aus ihrer Umgebung an. Jede dieser Kontaktpersonen erhält dafür etwa 50 Euro monatlich.

(Informelle Vertragsbesprechung mit unserer Ansprechpartnerin Laura, 18 Jahre)
Eine der ersten, die diese Aufgabe übernahm, war Laura, die zusammen mit einer Freundin eine der rund 200 Baracken in „Vista para o Mar“ bewohnt. Die Freude stand ihr ins Gesicht geschrieben, als ich ihr das Angebot persönlich machte. Seitdem vermittelt sie die offenen Stellen an interessierte Jugendliche aus ihrer Gemeinde.
Aus den zahlreichen bemerkenswerten Lebensgeschichten, von denen wir im Berufsförderungszentrum berichten könnten, möchte ich zwei Beispiele herausgreifen:
Die Geschichte von Pedro
Pedro war erst sechs Jahre alt, als seine Mutter die Familie verließ. Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt, der mit Drogen handelte und selbst Konsument war. Das Jugendamt wurde auf die Situation aufmerksam, als die Kinder bettelnd durch die Nachbarschaft zogen. Die Mutter hatte ihnen kein Essen dagelassen. Dabei war ihr Leben vorher stabil gewesen. Ihr Vater, José, war ein verantwortungsbewusster Mann, der bei einem Straßenbauunternehmen arbeitete. Doch wenn Aufträge in entfernten Städten anstanden, war er wochenlang unterwegs. Er wollte seiner Familie ein gutes Leben ermöglichen und nahm diese Belastung in Kauf.

(José mit seinen zwei Söhnen, Pedro rechts im Bild bei der Schweinezucht)
Als seine Kinder in eine staatliche Einrichtung gebracht wurden, traf der Vater eine bemerkenswerte, mutige und gleichzeitig folgenschwere Entscheidung: Er kündigte seinen sicheren Arbeitsplatz, um die Betreuung seiner Söhne wieder selbst zu übernehmen. Die Mutter lebte inzwischen drogenabhängig auf der Straße in der Innenstadt. José zog mit den Kindern in ein armes Viertel, da er die alte Wohnung wegen unbezahlbarer Rechnungen verkaufen musste. Um die Familie zu ernähren, sammelte er nun morgens früh recyclebare Materialien im Müll. Die Kinder begleiteten ihn stets, und häufig kamen sie dadurch zu spät zur Schule. Auch versuchte er zwischenzeitlich, ein halbes Dutzend Schweine zu züchten, was er aus gesundheitlichen Problemen aufgeben musste. Vor über einem Jahr trat der Kleine Nazareno in ihr Leben. Wir konnten Seu José bei Behördengängen unterstützen und seinen beiden Söhnen Arbeitsstellen vermitteln. Auch er selbst fand wieder eine feste Anstellung – diesmal, ohne verreisen zu müssen. Wir freuen uns riesig, dass wir einen kleinen Beitrag dazu leisten konnten, dass es ihm und seiner Familie heute besser geht. Pedro hat selbst ein sehr starkes Pflichtbewusstsein entwickelt. Er wird auch an seinem Arbeitsplatz immer lobend erwähnt, obwohl die ganze Situation ihn selbstverständlich schwer belastet, denn er trifft immer mal wieder auf seine Mutter in der Innenstadt. Seiner Mutter geht es nicht gut. Wir hoffen, dass die Mutter die Aufnahme in einer Klinik in Zukunft nicht mehr wie bisher ablehnt und sie die Chance wahrnimmt, ihre Drogensucht endlich zu behandeln und in den Griff zu bekommen.

(Pedro am Eingang seines neuen Arbeitsplatzes)
Seit der Gründung des Kleinen Nazareno begleiten wir arme Kinder und Jugendliche in aktuellen Notlagen. Zwei zerstörerische Einflüsse beeinträchtigen nachhaltig immer wieder die Lebensläufe und Perspektiven der Kinder. Nur zwei Wörter, die neben der extremen Armut das Leben dieser Kinder in einen Alptraum verwandeln können: Drogen und Gewalt.
Die Geschichte von Renato
So auch im Fall von Renato, den wir noch vor dem Tod seines Vaters kennengelernt hatten. Er war ein fröhlicher, aufgeweckter 14-Jähriger, als wir ihn und seine Familie im Armenviertel „Lagoa do Urubu“ das erste Mal trafen. Er ist mir gut in Erinnerung geblieben, denn er ahmte jede meiner Bewegungen nach. Damit hatte er die Lacher sicher auf seiner Seite. Es war einer dieser schönen und unbeschwerten Momente. Schon ein paar Monate nach unserem Besuch konnten wir ihn an einer Schule unterbringen, wo er bis heute ein bezahltes Praktikum absolviert.

(Renato ist gerade dabei, mich mit den überkreuzten Armen zu imitieren)
Seit unserem ersten Besuch ist viel passiert, und nach dem tragischen Tod seines Vaters suchte Renatos Mutter das Gespräch mit uns. Ich machte mich daher gemeinsam mit unserer Psychologin Geovana auf den Weg zu ihr. Sie schilderte uns jene Nacht voller Entsetzen und Schmerz. Zuerst hörte sie die Schüsse, dann sah sie ihren verwundeten Mann, der an sie vorbeilief. Sie flehte ihn noch an, ins Haus zu kommen, doch er weigerte sich. Wenig später informierte die Mutter die Polizei und trommelte Nachbarn zusammen, um nach ihm zu suchen. In dem Moment, als Renato von der Schule nach Hause kam, schloss er sich der Suchtruppe an. Nach Stunden fanden sie den leblosen Körper seines Vaters in einem nahen Waldstück. Renato wich ihm nicht von der Seite. Erst als der Leichenwagen kam, stand er auf und ging nach Hause. (P.S.: Wie sich später herausstellte, hatte der Vater tragischerweise gerade einen versuchten Mordanschlag zufällig mit angesehen, und jetzt war der Killer hinter ihm her, um ihn zu beseitigen. Daher wird angenommen, dass er sich nicht in sein Haus flüchtete, um seine Familie nicht zu gefährden.)

(Renato nach dem traumatischen Ereignis, wie er sich gerade auf den Weg zur Schule macht)
Seine Mutter sagte uns zum Abschied, dass Renato immer zu seinem Vater aufgeschaut habe. Als ältester Sohn fühle er sich jetzt dafür verantwortlich, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, durch das bezahlte Praktikum, das der Kleine Nazareno vermitteln konnte. Sie sei unendlich stolz auf ihn, und sie würde doch alles dafür geben, wenn er sein Lachen wiedererlangen könnte.
Kurznachrichten
a.) Teilnahme der Nationalen Kampagne des Kleinen Nazareno am Komitee für Obdachlose in Brasilien
Das intersektorale Komitee zur Begleitung und Überwachung der nationalen Politik für Obdachlose (CIAMP) wurde von der brasilianischen Regierung im Jahr 2009 gesetzlich ins Leben gerufen. Es ist dem Ministerium für Menschenrechte und Staatsbürgerschaft unterstellt und seine Aufgabe besteht darin, die öffentlichen Maßnahmen für Obdachlose in Brasilien zu überwachen und zu bewerten sowie neue Maßnahmen zur Förderung der sozialen Eingliederung dieser Bevölkerungsgruppe vorzuschlagen. Die gesetzlich geltende Definition in Brasilien von Obdachlosigkeit begrenzt sich nicht auf die Situation von Menschen, die auf der Straße übernachten, sondern erstreckt sich vielmehr auf diejenigen Familien, die in Elendsquartieren hausen. Die Übergänge sind einfach zu fließend, um eine Situation von der anderen abgrenzen zu können, gerade weil sich auch sehr viele der Bewohner der Hütten zusammen mit ihren Kindern tagsüber auf der Straße aufhalten, um ihren Unterhalt zu gewährleisten. Das Gremium ist paritätisch aus Vertretern der Regierung und der Zivilgesellschaft zusammengesetzt. Einem strengen Auswahlverfahren müssen diejenigen zivilen Organisationen sich unterziehen, die aufgrund ihrer Erfahrungen und Expertise an diesem Kolleg teilnehmen möchten.

(Patrícia, 16 Jahre, vor der Reise nach Brasília)
Die Campanha Nacional Criança não é de Rua (Nationale Kampagne zur Verteidigung der Rechte von Straßenkindern), die vom Kleinen Nazareno im Jahr 2005 im brasilianischen Senat gegründet wurde, hat erstmalig für dieses Amt kandidiert. Neben weiteren zehn Organisationen, die auf Bundesebene für Straßenkinder tätig sind, wurden wir gewählt. Drei Jahre lang werden wir an den Sitzungen der CIAMP in Brasília teilnehmen. Alle anfallenden Kosten für die Reisen, Unterkunft und Verpflegung werden vom Ministerium beglichen. Je nach Aufgabenstellung der jeweiligen Tagesordnung nehmen auch Jugendliche an diesen Treffen teil. Beim ersten Treffen wurde die Delegation der Nationalen Kampagne von vier Jugendlichen begleitet.

(Teilnehmerin Patrícia, zweite von links, Manuel, rechts außen)
Besonders gefreut hat mich die Anwesenheit von Patrícia, die ich einmal besuchte. Sie war kurzzeitig auf der Straße, lebt jetzt mit ihrer Mutter in einem armen Viertel. Sie musste sich noch bei der Arbeitsstelle, die wir ihr vermittelt haben, für ein paar Tage abmelden, um sich auf den Weg nach Brasília zu machen. Sie freute sich riesig, machte sich schick und färbte ihre Haare, bevor sie sich zusammen mit der ganzen Truppe auf den Weg zum Flughafen machte. Unter anderem wurde die Gruppe von unserem Mitarbeiter Manuel Torquato begleitet, der die Nationale Kampagne zurzeit leitet.
b.) Der Kleine Nazareno gründet in 12 Städten im Norden und Nordosten Brasiliens Selbsthilfegruppen, die von Petrobrás finanziert werden
Vor einigen Jahren haben sich innerhalb des Kleinen Nazareno zusätzliche Aufgabenfelder entwickelt, die unsere Arbeit auf der Straße und in den Armensiedlungen bereichern. Dabei handelt es sich um zwei Selbsthilfegruppen, die von psychologischen Fachkräften professionell begleitet werden.
Die erste Gruppe richtet sich an traumatisierte Mütter, deren Töchter oder Söhne Opfer einer Gewalttat wurden. Der unmittelbare Auslöser für diese Initiative war der brutale Mord an der Tochter einer engen Mitarbeiterin. Dieses unvorstellbare Verbrechen führte uns erneut die tiefen, langanhaltenden emotionalen und sozialen Folgen solcher Taten vor Augen. Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Entscheidung, Selbsthilfegruppen für betroffene Mütter ins Leben zu rufen, als Orte, an denen sie ihre Trauer, Wut, Hilflosigkeit und Angst teilen können und gemeinsam mit anderen Frauen, die Ähnliches erlebt haben, Unterstützung finden.

Die zweite Selbsthilfegruppe entstand nicht aus einem einzelnen Ereignis, sondern aus zahlreichen Begegnungen während unserer täglichen Arbeit. Immer wieder treffen wir auf Familien in absoluter Armut: ohne ausreichende Ernährungsmöglichkeiten, ohne Zugang zu grundlegenden Sanitäranlagen, in Behausungen, die während der Regenzeit regelmäßig überflutet werden. Und mitten in diesen schwierigen Lebenssituationen begegnen wir Mädchen, die noch heranwachsen, die keinen Schulabschluss erreichen konnten, keine Ausbildung haben, keine Perspektiven – und dennoch bereits schwanger sind oder bereits für ein Baby Verantwortung tragen müssen.
In solchen Momenten braucht es keinen besonderen Anlass, um tätig zu werden. Vielmehr stellt sich die drängende Frage, welche Zukunft diese jungen Mütter und ihre Kinder überhaupt haben können. Vielleicht war es auch unsere eigene Verzweiflung und die unseres gesamten Nazareno-Teams, die sich mit den Ängsten dieser Mädchen solidarisierten und uns letztlich dazu bewegte, eine Selbsthilfegruppe für schwangere Jugendliche und junge Mütter zu gründen. Eine notwendige und selbstverständliche Maßnahme, denn sie betrifft nicht nur diese jungen Frauen, sondern auch die nächste Generation. Die Sorgen der Mädchen sind vielfältig: Schule, Beruf, finanzielle Sicherheit, Partnerschaft, Zukunftsplanung. Eine junge Frau formulierte es treffend: „Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt. In meiner Situation nehme ich dankend jede Hilfestellung an, die mir angeboten wird.“

(Besuche der Psychologin Geovana bei einer jugendlichen Mutter)
Seit Anfang letzten Jahres werden diese beiden Tätigkeitsfelder des Kleinen Nazareno von Petrobrás, einem brasilianischen Staatsunternehmen, unterstützt. Sie waren auf der Suche nach einer Organisation, die bereit war, Aktivitäten wie die oben beschriebenen Selbsthilfegruppen gleichzeitig in zwölf verschiedenen Städten im Nordosten und Norden Brasiliens bis Ende 2027 durchzuführen. Unsere langjährige Präsenz in Manaus, wo wir sowohl Straßenkinder aufnehmen als auch in den umliegenden Armensiedlungen tätig sind, spielte bei der Auswahl eine wichtige Rolle. Ebenso entscheidend waren unsere staatlichen Anerkennungen und Auszeichnungen, die als Qualitätskriterien gewertet wurden.
Am Ende des Auswahlprozesses wurde dem Kleinen Nazareno das Vertrauen ausgesprochen, dieses umfangreiche Projekt zu übernehmen. Obwohl diese Initiative nur einen Teilbereich unserer Gesamtarbeit umfasst und sich vor allen Dingen in Städten abspielt, in denen wir bisher nicht aktiv waren, war es uns wichtig, diese Herausforderung anzunehmen. Wir freuen uns, für zwei Jahre einen bedeutenden Beitrag zur Unterstützung jugendlicher Schwangerer und traumatisierter Mütter leisten zu können, obwohl uns diese Tätigkeiten vor riesige Herausforderungen stellen, wie sich jeder vorstellen kann. Bis zum Projektende im Jahr 2027 wird eine Publikation veröffentlicht (basierend auf der Theorie der Veränderung und der begleitenden Impact-Evaluierung), bei der wissenschaftlich nachgewiesen werden soll, dass diese Arbeit belegbare positive Wirkungen erzielt. Die Ausführungen werden vor ihrer Veröffentlichung von zwei unabhängigen, für diese Aufgabe ausgewählten Fachleuten geprüft. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse insbesondere für Vertreter staatlicher Institutionen als Ansporn dienen, künftig stärker und entschlossener in diesen beiden Bereichen aktiv zu werden.
Weihnachtsgrüße von Bernardo!
Als wir schon unsere Arbeit beendet hatten, an jenem Tag vor meiner Reise, den ich in der Einführung erwähnt hatte, und wir uns gerade aufmachten zu gehen, kam eine Frau auf uns zu. Ihr Name ist Joana, und sie lud uns ein, auch bei ihr vorbeizuschauen. Das war der Beginn einer derjenigen Geschichten, die mir in diesem Jahr sehr unter die Haut gingen, denn Joana war hochschwanger, und obwohl sie immer wieder mit den Tränen rang, erzählte sie aus ihrem Leben, als wäre alles in Ordnung und als brauche sich keiner Sorgen zu machen.

(Joana mit ihrer ältesten Tochter Fátima)
In ihrer Erzählung deutete sich nicht einmal indirekt an, dass sie Hilfe benötigte, obwohl ihre aktuelle Lage jeder Mutter kalt über den Rücken laufen würde. Joana wollte nur reden und ihre Sorgen mit jemandem teilen. Ihr Mann sei auf der Arbeit, so erzählte sie. Er sammelt recycelbaren Abfall im Müll auf der Straße. Von ihrer vorherigen Wohnung wurden sie vertrieben, weshalb ihre beiden Töchter ihren Schulplatz verloren hätten. Sie würden jetzt ihrem Vater helfen. Aber heute hätten die beiden Töchter sie gebeten, nicht zu arbeiten. „Wir wollten zu Hause bleiben, um uns um Mama zu kümmern“, sagte die ältere Tochter Fátima, um den Worten der Mutter mehr Gewicht zu verleihen. Uns war klar, dass es nicht der passende Moment war, um uns über mittel- und langfristige Hilfsmaßnahmen auszutauschen. Als wir schon auf die Haustür zugingen, erwähnte sie, fast schon beiläufig, dass sie jetzt zusammen mit ihren beiden Töchtern zur Bushaltestelle gehen müsse. Ihr Mann sei wohl in einer Bar versackt, denn er wollte an sich aufgrund ihres Zustands heute etwas früher nach Hause kommen. Aber sie könne nicht mehr auf ihn warten, denn sie müsse jetzt zur Entbindungsklinik. Den ruhigen, stoischen, fast nebensächlichen Tonfall ihrer Stimme hat sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt, und ich dachte nur – das passiert jetzt ja wohl gerade nicht wirklich? Sie brauchte nicht zur Bushaltestelle zu gehen und schaute uns mit überraschten Augen an, als das Uber-Taxi, das wir für sie gerufen hatten, in der Nebenstraße auf sie wartete. Noch in derselben Nacht hat sie entbunden. Durch das Jugendamt hatte eine Mitarbeiterin innerhalb eines Monats erreicht, dass ihre beiden Töchter wieder zur Schule gehen konnten! Das wollten wir gebührend feiern, und so machten wir uns, ausgerüstet mit Lebensmittelpaketen und einem Stapel Babywindeln, auf den Weg zu ihr.

(Joana mit ihren zwei Töchtern und ihrem neugeborenen Sohn)
Trotz der mitunter düsteren Schilderungen, bei denen ich kein Blatt vor den Mund genommen habe, bin ich weiterhin – oder vielleicht gerade jetzt – der Überzeugung, dass die Unterstützung durch den Kleinen Nazareno zu keinem besseren Zeitpunkt kommen könnte. Sie ist von großer Relevanz, in einigen Bereichen sogar richtungsweisend, und bewirkt einen deutlich positiven Unterschied im Leben zahlreicher Kinder. Trotz all der Gewalt, der Widersprüchlichkeit und der extremen Armut begegnen uns die meisten Menschen in den Armensiedlungen mit einer Freundlichkeit und Offenheit, die in Brasilien sprichwörtlich ist. Sie sind dankbar dafür, dass wir uns für sie einsetzen und uns ihr Schicksal nicht gleichgültig lässt.
Der jüdische Denker und Rabbiner Abraham Heschel schrieb einmal: „Es gibt eine Bedeutung jenseits der Absurdität.“ Seit mittlerweile 40 Jahren, als ich mich wie in einem ausländischen Film ohne Untertitel in Brasilien wiederfand, wo alles fremd, neu und interessant war und ich so gut wie nichts verstand, habe ich mir nie die Sinnfrage gestellt. Ich hege nie Zweifel daran, dass trotz aller Absurdität unsere Arbeit eine tiefe und bleibende Bedeutung hat. Sich für Respekt und Barmherzigkeit einzusetzen – besonders gegenüber Armen und Notleidenden – und vorbehaltlos für die Würde jedes einzelnen Menschen einzutreten, ist bedeutsam und wird niemals an Wert oder Relevanz verlieren, ganz gleich in welchem Land, zu welcher Zeit oder unter welchen Umständen.
Ohne euch wäre all unsere Hilfe für diese Menschen nicht möglich gewesen. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle – von ganzem Herzen und auch im Namen unseres gesamten Nazareno-Teams – für eure oft über viele Jahre hinweg gezeigte Unterstützung bedanken. Ein besonderer Dank gilt auch meinem Bruder Werner, dem Gründer des Kleinen Nazareno in Deutschland, für seinen unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz, sowie allen Mitgliedern des deutschen Vereins. Mit diesen Zeilen schließe ich die diesjährigen Weihnachtsnachrichten.
Ich danke euch allen von Herzen und wünsche euch alles erdenklich Liebe und Gute. Euch allen eine frohe und gesegnete Weihnacht!
Bernardo, Gründer der Organisation Der Kleine Nazareno/Brasilien
