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„Der größte Risikofaktor ist die Armut“

"Der größte Risikofaktor ist die Armut"

Corona auch im Nazareno-Dorf angekommen: Bernardo berichtet über die aktuelle Situation

Wir erleben auf nationaler Ebene gerade ein leichtes Aufatmen. Nur und bitte ein nur mit Anführungszeichen, in 6 von den 26 Bundesländern Brasiliens steigen die Fallzahlen und die Sterberate an. In 11 Bundesländern sind die Zahlen stabil und in 9 Bundesländern am Sinken. Es ist auch das erste Mal, seit 2 Monaten, dass die Durchnittszahlen, der an dem Virus verstorbenen Menschen, unter die 1.000er Marke gefallen ist. Um es klar und deutlich auszudrücken: Bei einer Zahl von 100.000 Opfer der Pandemie, kann wirklich nicht von einem Erfolg bei der Corona-Bekämpfung gesprochen werden.

Mitarbeiter des Kleinen Nazareno schützen sich so gut es geht.

Und es hätte noch alles schlimmer kommen können. Beispiel Ceará, dem Bundesland im Nordosten von Brasilien, in dem ich seit ein paar Jahrzehnte lebe. 

Mitte März sind hier die ersten Todesfälle aufgetreten. Anfangs begrenzt auf die reicheren Wohnviertel, breitete sich das Virus in Windeseile in der ganzen Hauptstadt Fortaleza und alle umliegenden Städte aus. Besonders in den öffentlichen Krankenhäusern gab es kaum noch freie Intensivbetten und das ganze Gesundheitswesen drohte zu kollabieren. In Anbetracht dieser Umstände sah sich der Ministerpräsident von unserem Bundesland, Ceará, Camilo Santana gezwungen die Notbremse zu ziehen. Es blieb ihm keine andere Wahl, denn ohne die von ihm verordneten strengen Corona-Maßnahmen wären Tausende von Menschen einem qualvollen und menschenunwürdigen Tot gestorben. Von der Möglichkeit einer stationären Behandlung ausgeschlossen, wären sie zu Hause erbärmlich gestorben! 

Es war eine Zeit, in der das Virus überall präsent war. Hier in der Nachbarschaft vom Nazareno-Dorf hörte man von den ersten Todesfällen und jeder kannte Leute in seiner Verwandtschaft, die auf einmal den Geruchssinn verloren hatten oder mit hohem Fieber im Bett lagen. Als ein Erzieher der Kinder in unserem Nazareno-Dorf morgens mit Fieber aufwachte, war mir klar, dass auch wir nicht glimpflich davonkommen würden. Obwohl wir sehr früh damit angefangen waren, uns abzuschotten und ich mich gezwungen sah auch den Kindern mitzuteilen, dass die Familienbesuche bis auf weiteres nicht mehr stattfinden würden, mit meinem Bemühen, den Virus vom Nazareno-Dorf fern zu halten, bin ich trotzdem kläglich gescheitert. 

Die meisten Kinder haben sich angesteckt, sowie 25% meiner Mitarbeiter. Drei frühere Mitarbeiter sind an Covid-19 gestorben. Amélia, die sich um ihre an Covid-19 erkrankte Mutter kümmerte, die noch vor ihr starb und Valpeter, der sein ganzes Leben im sozialen Bereich tätig war. Beide waren Erzieher im Nazareno-Dorf. Rafael, mit dem ich zusammen in den Schulen politische Bildungsseminare durchgeführt habe, starb an Covid, während er auf einen Platz auf der Intensivstation wartete, die hoffnungslos überfüllt war.

Die meisten Menschen in den Elendsvierteln von Fortaleza haben sich um die Einhaltung der Corona-Maßnahmen bemüht. In beengten Hütten, bei 30 Grad im Schatten, unter sehr bedürftigen sanitären Verhältnissen (in einigen Elendsvierteln gehört fließendes Wasser nicht unbedingt zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens) zu leben ist eine Herausforderung auch ohne Corona. Und so war es von Anfang an klar, dass das Virus in den brasilianischen Elendsvierteln ideale Bedingungen vorfand, um sich exponentiell auszubreiten. Der größte Risikofaktor in Brasilien ist deshalb auch nicht das Alter, Übergewicht oder Vorerkrankungen verschiedenster Art, sondern die Armut.

Wenn Camilo Santana und viele anderen Menschen, die ein öffentliches Amt bekleiden, auch sehr vernünftig, besonnen und engagiert reagiert haben, dasselbe kann man nicht über die Bundesregierung sagen. Klar ist, das ein ständiges Abwägen zwischen den wirtschaftlichen Konsequenzen einer Begrenzung der persönlichen Freiheit und dem Bestreben die Pandemie einzudämmen und den Kranken und Sterbenden eine menschenwürdige Behandlung zu garantieren, ist mühselig. Aber sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen und fundamentalistisch einer Idee hinterherzulaufen, die einen künstlichen Gegensatz zwischen ökonomischer Vernunft und der Notwendigkeit von Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19, zu konstruieren, führte auf Bundesebene zu einer desaströsen und kopflosen Politik.

Die vom Präsidenten favorisierte These der sogenannten Herden-Immunität, seine ständige Aufmüpfigkeit gegen die Maskenpflicht bei Menschenansammlungen, seine Begeisterung für ein altbekanntes Malaria-Medikament, dass er bei wirklich jeder Gelegenheit als Wunderwaffe noch heute gegen Covid anpreist, haben mit Sicherheit nicht zur Eindämmung der Pandemie beigetragen.

Es ist das erste Mal in der jüngeren Geschichte Brasiliens, dass eine Katastrophe eine höhere Anzahl an Opfer verursacht, als die Anzahl der Opfer der Mutter aller Katastrophen in Brasilien: die alles zerstörende Gewalt! 62.517 Ofer von Mord und Totschlag im Jahre 2018. Dieselbe Anzahl von Corona-Toten wie vor einem Monat. Aber mit einem Unterschied: Irgendwann wird die Pandemie zu Ende sein. Doch die Gewalt in Brasilien geht immer weiter und bisher ohne Aussicht auf Besserung! 

In diesem Jahr wird in die traurige Statistik auch zwei von unseren Kindern aufgeführt werden, die für eine viel zu geringe Zeit im Nazareno-Dorf gelebt haben und auch die Tochter unsere Köchin. Im April dieses Jahres, als die Pandemie schon hier vor Ort wütete, wurde sie vor den Augen ihrer ganzen Familie an den Haaren gepackt, vor die Tür geschleppt und brutal ermordet. Zurzeit lebt diese Familie bei uns im Nazareno-Dorf. 

Wenn man in einem Satz die aktuelle Lage Brasilien umschreiben sollte, würde ich den jüdische Sozial – und Religionsphilosoph Martin Buber zitieren: „Die große Schuld des Menschen ist, dass er jeden Tag die Freiheit zur Umkehr hat, und sie nicht wählt“. Aber wie sagte schon das tapfere Mädchen Anne Frank, „weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube“ werden auch wir weitermachen und vielleicht ist eine radikale Umkehr zu mehr Verständnis und Menschlichkeit ein guter neuer Anfang!

Bitte bleiben Sie gesund! Alles Gute, Ihr Bernardo

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